Wie authentisch sind wir?

Der Mensch will – besonders in jungen Jahren – oft etwas Anderes sein, als das, was er gerade ist.

Mehr Schein als Sein, so könnte man dieses Ansinnen auf einen Nenner bringen. Dabei geht es im Rahmen der Identitätssuche meist „nur“ um die Beantwortung der Frage „Wer bin ich?“. Die Wirtschaft hilft bei dieser Suche gerne mit, „Weil ich es mir wert bin“ (L’Oréal). „Lebst Du noch oder wohnst Du schon?“ (IKEA) „Du darfst!“ (Unilever).

Marken sollen bei der Orientierung helfen. Mit ihnen zeigen wir anderen, wer wir sein wollen. Mit der Wahl des Kleidungslabels, des Autoherstellers, des Restaurants, des Urlaubsziels usw. geben wir uns und anderen Orientierung. Wer ein Cabrio fährt will eben eine andere Lebenseinstellung zum Ausdruck bringen als der eines 2,5 Tonnen schweren Geländewagens.

„Ich habe meiner Frau Stiefel von ‚Hunter‘ zum Geburtstag geschenkt,“ berichtet der stolze Ehemann angesichts dieser getätigten Investition und fährt fort: „Auf Sylt läuft da jede zweite oder dritte Frau mit am Strand rum!“ Seine Frau hat sich gefreut, auch wenn sie fortan „uniformiert“ herumläuft, und das, obwohl doch auch sie eigentlich etwas Besonderes sein will. Aber so genau hat man darüber offenbar nicht nachgedacht.

Natürlich gehört auch geschicktes „name dropping“ dazu: „Ich spiele ja Golf mit dem Verkaufsleiter von Musterfirma.“ – „Die Riemann ist ja mit mir zur Schule gegangen.“ – „Das Auto hat mal Thomas Schaaf gehört.“

Einst formten Arbeit, Familie und Religion den Menschen. Identität war statisch. Heute  definieren wir unsere Identität eher dynamisch. Die Frage „Wer bin ich?“ wird ersetzt durch „Wer will ich sein?“ Und je nach Situation und gesellschaftlicher Position spielen wir unterschiedliche Rollen. Darüber hatte bereits einst Sir Ralf Dahrendorf mit seinem „Homo sociologicus“ promoviert.

Was nützt es, wenn annähernd so aussieht wie Brad Pit oder Meryll Streep? Bestenfalls wird man zum „Doppelgänger“ gekürt. Doch wer anders ist, als er scheint bzw. scheinen will, der ist nur ein Abziehbild, aber keinesfalls „authentisch“. Wer authentisch ist, ist „echt“, denn Authentizität (von griech authentikós – dt. „echt“; lat. authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wer „echt“ ist, auch beliebt ist. Mancher ist eben authentisch „Schwein“. Und längst nicht immer gelingt die Scheinparade – andere durchschauen das Ansinnen oft. Doch wer ganz auf solche Inszenierung seiner Selbst verzichtet, gilt schnell als Sonderling.

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