Wir fahren oben offen

Noch nie war der Trend zum Cabriolet so groß wie heute. Ob es an der Klimaveränderung liegt? Oder ist es nur einer dieser US-amerikanischen „Hypes“, der nun endgültig auch in Deutschland angekommen ist?

Cabrios genießen in Deutschland inzwischen jedenfalls Kultstatus. Die meisten fahren in München – im deutschen Süden haben die Einwohner offenbar ein paar mehr Euro übrig für den Luxus des offenen Fahrens. Wenn Männer am Steuer sitzen, blicken die meist weiblichen Beifahrerinnen nicht immer glücklich drein – die Frisur leidet doch arg. Gut aussehen muss sie (die Frisur und die Beifahrerin) schon, denn man ist den Blicken der anderen ja ständig ausgesetzt. Wenn Frauen am Steuer sitzen, sind sie meist blond und fahren gerne schwarze „Cabrios“, das ist wohl „trendy“.

Dabei ist das offene Fahren ähnlich anstrengend und unbequem wie das Laufen in Stilettos – es soll gut aussehen, ist aber total unpraktisch: Im Cabrio ist es laut, zugig und heiß. Doch wer würde – auch gerade angesichts der meist deutlich höheren Investition – schon zugeben, dass

  • die Sonne ihm gnadenlos aufs Haupt scheint (weswegen viele Cabrio-Fahrer ja eine mehr oder minder kleidsame Kopfbedeckung tragen)
  • der Fahrtwind ständig an den Haaren zerrt (weswegen manche Hersteller inzwischen aufpreisfähige Windschotts erfunden oder einen „Wind scarf“ in den Kopfstützen entwickelt haben, der mit warmer Luft das Haupt umspült)
  • schnelle Fahrten auf der Autobahn sind offen undenkbar, weil die Unterhaltung ab 100 km/h schwierig wird?

Vom reduzierten Fahrvergnügen in allen anderen Jahreszeiten wollen wir hier ebenso wenig reden wie von den ständigen Maleschen mit Faltdächern (herrlich einfach zu öffnen für Diebe), die zwar spektakulär elektrisch schließen, aber bei Regen oft nicht dicht sind und eine Menge Fahrtlärm auf das Trommelfell einwirken lassen – sog. „Hard tops“ haben das Problem inzwischen zum Teil gelöst. Über den reduzierten Gepäckraum wollen wir hier gar nicht reden. Damit gerät das Cabrio zum reinen Kurzstreckenfahrzeug, das überflüssigerweise oftmals noch stark übermotorisiert ist.  Wer offen fährt, ist eben nicht immer ganz dicht.

Es ist wohl wie immer: Wer etwas Besonderes sein will, muss sich das leisten wollen und können. Waren einst braungebrannte Menschen hart arbeitende Tölpel vom Lande, und galt es daher als besonders chic, blass zu sein (heute ist es umgekehrt), so muss man im Regenland Deutschland partout ein offenes Auto fahren, will man auffallen. Denn es geht offenbar einmal mehr nur um dies: Es reicht nicht, selber etwas zu haben, andere dürfen es nicht besitzen und sollen dafür neidvoll blicken müssen – das reicht! Hinzu kommt, dass die Vorstellung von einer Sache meist besser ist als deren Realität.

Einst war das Cabriolet eine (meist) zweispännige, offene Pferdekutsche.

Dieser Beitrag wurde unter Modernes Leben abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wir fahren oben offen

  1. Jochen Voigt sagt:

    Übrigens sind Cabrios insgesamt schwerer, da die Karosserie nicht selbst tragend ist (wie beim geschlossenen Wagen) und mit gewissem Materialaufwand versteift werden muss. Also hat man einen noch höheren CO2-Ausstoß pro km, unverantwortlich… Aber mit Vernunft darf man bei diesem Thema sowieso nicht kommen! Nach uns die Sintflut!!

  2. Karl Brio sagt:

    Der Artikel stellt Cabrios ziemlich negativ dar..
    – Ja, es gibt ein paar Tage im Jahr Sommerhitze. In der Mittagszeit kann man aber sehr gut mit geschlossenem Dach und offenen Fenstern fahren. Meiner Erfahrung nach zieht es in vielen Cabrios bei offenem Fenster weniger unangenehm als in Limousinen.
    – die modernen Cabrios haben häufig sehr gute Dächer mit Glasheckscheiben und Fütterung. Mit Regen oder Winterwetter hatte ich die ganzen Jahre keine Probleme.
    – Wenn man einmal offen an einem Frühlingstag oder an einem Sommerabend gefahren ist, sagt man „ja, der Aufpreis hat sich gelohnt“. Die angesprochenen Stilettos sind dagegen zu keiner Zeit bequem.

    Leute, es macht Spaß, offen zu fahren. Ansonsten hätte ich mir im Lauf der Jahre nicht schon das vierte Cabrio gekauft. Und mit weniger Budget, wäre es eben ein günstiges vom Gebrauchtwagenmarkt geworden. Wenn man gelegentlich Ausflüge macht und nicht nur auf der Bahn Kilometer schluckt und Kühlschränke mit sich führern will, ist ein Cabrio empfehlenswert.
    Einzige Wahrheit des Beitrages: Die Beifahrerinnen sind wirklich nicht alle Cabriobegeistert..

Schreibe einen Kommentar