Heimat – da, wo ich zu Hause bin?

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Heimat, was ist das eigentlich?

Die Deutschen haben es mit ihrer „Heimat“ – aus gutem Grunde. Andere Kulturen haben es schwer, diesen Begriff passgenau in ihre Sprache zu übersetzen. „Pays natal“ ist zu faktisch, „Patria“ („Vaterland“) zu schwülstig, „home“ zu wenig differenziert.

In nahezu jedem dritten Ort Deutschlands gibt es ein „Heimathaus“ oder eine „Heimatstube“. Betrieben werden diese Institutionen oftmals von einem „Heimatverein“.

So hat zum Beispiel der Heimatverein Oyten etwa 730 Mitglieder und sich zum Ziel gesetzt, „altes Brauchtum zu erhalten und alte Gegenstände zu sammeln, damit diese für die Nachwelt erhalten bleiben.“

In Fischerhude gibt es das „Heimathaus Irmintraut„. Neben dem Bild, das alte Möbel, Einrichtungsgegenstände, Hilfs- und Arbeitsmittel vom Alltagsleben der Vergangenheit vermitteln, sollen den Besuchern im Rahmen der Ausstellung auch Informationen über die Ortsgeschichte, das Haus und seine Bewohner im 19. Jahrhundert sowie über dessen Nutzung als Museum angeboten werden.

Manche Heimatvereine haben gar Dachorganisationen wie den Kreisheimatbund Diepholz. Und Millionen von Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten habe sich nach 1945 im „Bund der (Heimat-) Vertriebenen“ organisiert.

„Heimat“ leitet  sich offenbar vom althochdeutschen „heimouti„, mittelhochdeutsch „heimüete“ ab, das ursprüngliche „Niederlassung“, „Wohnsitz“ bedeutete. „Heimat“ meinte also den Geburts- oder Wohnort , das Elternhaus.

Mit der Industrialisierung und der Loslösung der Menschen aus den bäuerlichen Lebenszusammenhängen kommt es zu einer Romantisierung des Heimatbegriffes: Heimat als Erfahrung einer idyllisch verstandenen, verlorenen Vergangenheit, einer kindlichen Geborgenheit.

Der Heimatbegriff ist somit zwar konservativ besetzt, aber auch eine kritische Antwort auf die Verstädterung und Industrialisierung (und damit Individualisierung und Entwurzelung).  In der Folge entstehen Heimatvereine und Heimatmuseen, wird Heimatkunde als Fach in der Volksschule eingeführt.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland war „Heimatkunde“ anerkanntes Fach des  Unterrichts der Grundschule. Erst in den 60er Jahren wurde es  durch „Sachkunde“ und später durch „Sachunterricht“ abgelöst. Begriff und Fach „Heimatkunde“ wurden 1969 aus den Lehrplänen gestrichen.

Das Verlangen nach Heimat und der Verlust von Heimat hat viele Lebensgeschichten geprägt. Das große Filmepos „Heimat“ von Edgar Reitz aus den 80er Jahren mit dem fiktiven Ort „Schabbach“ im Hunsrück war ein großer Erfolg.

Siegfried Lenz beschreibt in seinem herrlichen Roman „Heimatmuseum“ Menschen und deren Bräuche und lässt das alte Masuren wiederauferstehen: „Heimat ist der Winkel vielfältiger Geborgenheit, es ist der Platz, an dem man aufgehoben ist, in der Sprache, im Gefühl, ja selbst im Schweigen aufgehoben.“ Doch am Ende brennt Protagonist Zygmunt Rogalla sein Heimatmuseum selber nieder.

Denn Heimatgefühle bilden sich ohne Absicht an zufälligen Orten. Der Wirkstoff Heimat arbeitet ungeplant, unmerklich und intensiv. Es dauert lange, bis wir eines Tages merken, dass wir dort, wo wir nicht mehr loskommen, Wurzeln geschlagen haben, die wir dann Heimat nennen. Dort, wo eigentlich kein „richtiges“ Leben vorgesehen war, bauen wir ein Häuschen und zeugen Kinder.

Wilhelm Genazino schreibt: „Im Stillen ist Heimat ein Wort für Untrennbarkeit geworden: für den ersten uns möglichen Anblick der Welt, den wir dann sehr lange für den einzigen halten. Daraus ergibt sich eine seelische Fixierung, die sich in eine lebensgeschichtliche Bindung verwandelt. Es wird dann gleichgültig, wo wir uns später aufhalten, die Bilder der „ersten“ Heimat werden unvergesslich, wie schwach sie dann auch geworden sein mögen. Die Fixierung ist so mächtig, dass sich aus ihr das Phänomen der durchscheinenden Bilder entwickelt. Das heißt, wir sehen auch dann, wenn „wir fern der Heimat“ sind, durch die fremden Anblicke hindurch die einmaligen Bilder der „ersten“ Heimat.“

Walter Kempowski, der sich als geborener Rostocker zeitlebens als „Heimatvertriebener“ fühlte, schrieb: „Heimat hat es nie gegeben, erst  Erinnerung baut sie auf.“ Und schon Cicero (nicht Roger, sondern Marcus Tullius, 106 – 43 v. Chr.) stellte fest: Patria est, ubicumque est bene = „Heimat ist dort, wo immer es gut ist“. 

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4 Antworten zu Heimat – da, wo ich zu Hause bin?

  1. Jochen Voigt sagt:

    „Heimat ist immer etwas Verlorenes“, hat Edgar Reitz gesagt, und das empfinde ich genau so: Das Dorf meiner Kindheit, wo man noch auf der Straße Fußball spielen konnte, wo Tiere auf der Weide waren, wo die Bauern mit lustigen kleinen Traktoren herumfuhren, wo ist es geblieben? Die Moderne konnte ihre Versprechen nicht einlösen, nur die Autos wurden größer und die Kommunikationsmittel fantastischer.

  2. Da kann ich Dir nur vollends zustimmen! In meinem einstigen heimeligen Heimatort mache ich immer schnell, dass ich wegkomme, bevor mich die Depression packt. Alles verschandelt!

    Ich möchte zitieren, weil ein gutes Zitat ähnlich wie ein gutes Bild ist:

    „Für mich aber ist alles, was Gewinn ist, zugleich Verlust. Auch der Fortschritt ist annulliert durch sich selbst. Jeder Schritt, den der Mensch vorwärts macht, durch den verliert er etwas.“ (Condorcet)

  3. Hans-Werner Kleindiek sagt:

    moin, moin lHerr Heidtmann,

    dass ist ja nun wieder ein Thema…………………….. da ist wohl jede Antwort richtig; denn den Begriff „Heimat“ für sich zu erklären ist extrem unterschiedlich und ein rein persönliches Empfinden. Aus diesem Grund kann keine Antwort falsch sein; jedoch sicherlich sehr interessant zu lesen.

    Nun, Sie wissen, dass ich seit langer Zeit in Münster wohne; aber in Kiel geboren und aufgewachsen bin. Ohne Frage, Münster ist eine schöne und lebenswerte Stadt. Ich lebe mit meiner Familie von Beginn an im Stadtteil Hiltrup, dem größten Stadtteil Münsters (hier sind auch unsere Kinder geboren und aufgewachsen). Hier wohnt man sehr schön, findet eine absolut umfassende Infrastruktur vor und hat damit alles, was man benötigt. Ich fühle mich hier wohl und meine Familie ist überaus zufrieden.
    Dennoch kann es nicht meine Heimat sein und werden. Mir fehlt natürlich der Hafen, die Schiffe, die Küste, Strand und Meer. Gerade Holstein mit seiner schönen Landschaft und immer das Meer vor der Haustür. Der weite Blick bis zum Horizont und die Wolken bis Oberkante See oder Boden. Der Duft wenn man zum Hafen geht und von einer frischen Brise eingefangen wird.
    Dennoch frage ich mich ab und an, wo ist wirklich meine Heimat? Unser Deutschland ist so schön, es hat wunderbare Ecken, Landschaften, Städte und was weiß ich noch alles. Mein Leben wird nicht ausreichen, mir alle diese schönen Orte ansehen zu können.
    Spontan ist meine Heimat für mich, wo ich geboren und aufgewachsen bin (über 20 Jahre in Kiel), danach wechselte es ab und zu (bedingt auch durch meine 4 Jahre bei der Marine). Doch auch hinterher war ich noch nicht sesshaft geworden, und mit meinem Wechsel nach Münster (einer Stadt und Gegend, wo ich vorher noch nie war) wusste ich schließlich noch nicht, ob ich da bleibe. Nun, ich bin geblieben und fühle mich hier wohl. Es ist dabei für mich wichtig, dass meine Familie sich hier ebenfalls wohl fühlt und hier zu Hause ist.
    Nur mir fehlt immer mal wieder was, und dann muss ich schnell gen Norden. Dann ist es gut und der erste Weg führt immer erst zum Hafen. Ja, so empfinde ich dass dann als meine Heimat (oder habe ich mehr Heimat?)(ich glaube nein).
    Hans-Werner Kleindiek

  4. Vielleicht hat Walter Kempowski sein Tagebuch „Hamit“ (Heimat) mit dem Satz beendet:

    „Heimat können wir abhaken. Geblieben ist das Heimweh.“

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