Moderne Mythen und Märchen

Einst setzten sich die Menschen – nachts gerne um ein Feuer – zusammen und erzählten sich Geschichten. In diesen ging es sowohl um Neuigkeiten als auch um Unterhaltung, um Wahres also, wie um Erfundenes. Beides erfüllen heute die Medien: Zeitung, Radio, TV, Internet usw. Und wer mag, kann ja „Talk Show“ einmal ins Deutsche zurückübersetzen.

Einst war die Welt, das Dasein noch viel unerklärbarer als sie es heute noch ist. Es war nur allzu verständlich, dass da in allen Kulturen Fabelwesen, Geister und Götter als Deutungsmuster herhalten mussten. Ein Rest von Mysterium ist bis heute geblieben – sei es als Religion oder Esoterik, wobei der Unterschied zwischen beiden letztlich nicht groß ist.

Ein zweite Funktion des Erzählens ist, das eigene Leben erträglicher zu machen. Wo Not und Elend herrschen macht Phantasie manches erträglicher. Auch heute ist das Erzählen als Lebenshilfe von vitaler, fundamentaler Bedeutung: Noch nie wurden so viele Bücher gedruckt oder Filme gedreht. Beide sind letztlich die Fortsetzung des Märchenerzählers und Sagenrauners von einst. Der Übergang der mündlichen Erzählung zur schriftlichen Literatur vollzog sich in Werken wie: “1001 Nacht”, Boccacios “Decamerone”, der “Edda” – und letztlich auch der christliche Bibel oder dem Koran.

Die zunehmende Entmythologisierung der Welt durch die exakten Wissenschaften kann das menschliche Verlangen nach Mythos offenbar nicht beheben. Die modernen Märchenerzähler heißen deshalb „Sprecher“, „Moderator“ oder „Entertainer“ – ihre Aufgabe hat sich nur unwesentlich verändert.

Allabendlich versammeln sich Millionen von Menschen um das moderne Lagerfeuer namens „Fernseher“. Doch schaut man hier nicht gemeinsam ins Feuer oder in eine Kristallkugel, sondern (inzwischen meist) auf einen LCD-Monitor. Die Funktion ist nahezu die gleiche geblieben. „Nun gut, Väterchen Franz fährt fort:“

 

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