Über das Eigentum

Nichts Wichtigeres gibt es offenbar für den Menschen im Kapitalismus als „Haben“: Mein Haus, mein Boot, meine Frau. Es gilt das Motto: Zeige mir, was Du hast und ich sage Dir, wer Du bist!

Das ganze Sein ist also vom Haben bestimmt. Ohne Maß und Rücksicht häuft der Mensch Reichtümer an, so er kann. Zwar weiß er, dass das letzte Hemd keine Taschen hat und dass niemand etwas mitnehmen kann aus diesem Jammertal, doch das hindert ihn nicht daran, ungezügelt weiter zu raffen.

Dabei ist das Eigentum ein fixe Vorstellung. Solange ich lebe, darf ich über das von mir Erworbene verfügen. Doch was bleibt? Nichts! In einigen Jahren oder Jahrzehnten ist das Hab und Gut in alle Winde zerstreut, in den Händen anderer, mir fremder Menschen.

Und doch ist der Besitz (auch Menschenaffen kennen die Dokumentation des Aneignenes in dem sie sich ganz einfach auf das Ergatterte setzen = Besitz) ein wichtiger Faktor funktionierender Gesellschaftssyeteme.

Und in der Tat, wo die individuelle Zuordnung von Dingen zu Personen fehlt, ensteht im gleichen Zuge ein Verantwortungsvakuum: „Dafür bin ich nicht zuständig!“ lautet die Parole. Das Resultat: Das Gemeinsame verkommt – nicht nur wie einst im realen Sozialismus.

Schon das Grundgesetz formuliert, dass Eigentum verpflichtet. Das kann man sowohl als Erkenntnis als auch als Aufforderung verstehen. Mit Hilfe meines Eigentums expandiert auch mein Ich: Persönlichkeit drückt sich eben nicht nur durch Charakter aus, sondern zunehmend durch Erwerb von Dingen und deren Zurschaustellung. Ich entwerfe ein Bild von mir, ein „Image“ – für mich, besonders aber für die anderen, wenn ich mit meinem schwarzen Cabriolet und Designer Sonnenbrille langsam durch den Ort rolle.

Und wundersamer Weise wirken die Dinge auch auf mich zurück: Meine Identität wird nach und nach eine andere. Zuletzt glaube ich selbst an das Bild, das ich von mir erschaffen habe.

Und inzwischen sind es die Dinge, die Glück stiften: Der Konsum ersetzt eherne (fehlende) Werte.

Man reibt sich die Augen und stellt verwundert fest, dass sich die Frage nach dem Eigentum von einer juristischen zu einer philosophischen verändert hat.

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