Begegnungen – von Dessau nach Rügen

Es klingtelt an der Tür unserer Ferienwohnung. Ich öffne. Aber dort steht niemand. Vielleicht steht jemand unten vor der Haustür? Ich gehe hinunter. In der Tat, da steht ein etwa zehnähriger Junge. Ich öffne ihm.

Er entschuldigt sich. Die Haustür sei hinter ihm zugeschlagen und er habe sich dann aus Versehen „verklingelt“ (es sind drei Klingeln am Hause vorhanden, für jede Fewo eine).

Ich sage: „Das kann jedem mal passieren!“ und lasse ihn eintreten. Es sagt: „Danke nochmals fürs Aufmachen!“ Ich sage: „Aber gerne doch!“ – „Schönen Abend noch!“

Selten so einen höflichen jungen Mann getroffen. Er wohnt in der Nachbar-Fewo und macht hier auf der Insel mit seinen Eltern und drei weiteren Geschwistern Urlaub. Zwei der Kinder sind Pflegekinder. Er ist eines davon.

Meine Frau erzählt mir immer, was die Mutter der vier Kinder ihr so beim Reiten alles erzählt. Da kommen die beiden Pflegekinder leider nicht so gut weg in diesen Berichten. Der Junge soll schon öfters ausgebüxt sein. Er kam mit dreieinhalb Jahren in die Familie – was muss das wohl für ein Kind bedeuten, von seinen leiblichen Eltern weggenommen zu werden? Keine festen und „echten“ Eltern zu haben? Und wer wagt es, den ersten Stein zu werfen, was die Gleichbehandlung eigener und angenommener Kinder betrifft? Blut ist immer dicker als Wasser.

Für die Aufnahme von Pflegekindern zahlt der Staat ein ordentliches Geld. Sicher in den meisten Fällen eine bessere und preiswertere Lösung als Kinder in einem Heim unterzubringen.

Beide Eltern haben einen Vollzeitjob bei der Polizei. Das ist erstaunlich, aber wohl nicht untypisch in Deutschlands Osten. Jetzt haben sie erstmal die Fewo nebenan gekauft.

Leider habe ich den neunjährigen Pflegesohn erst heute kennengelernt. Schade, ich bin sicher, wir hätten uns gut verstanden. Junger Mann, ich wünsche Dir alles erdenklich Gute in Deinem weiteren Leben!

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