Serendipidität

Die moderne Form des Müßiggangs hat einen passenden neuen und selbstredend englischsprachigen Namen bekommen: Unter “serendipity” versteht man, etwas Interessantes zu finden, das man eigentlich gar nicht gesucht hat – ein Phänomen, dass zB Suchmaschinenbenutzer bestens kennen.

Das Wort an sich wurde angeblich bereits im Jahre 1754  erstmals benutzt, als der Autor Horace Walpole “The Three Principles of Serendip” in Anlehnung an ein persisches Märchen schrieb, bei dem drei Prinzen auf einer Reise viele unerwartete Entdeckungen machten. Serendip ist offenbar die alte persische Bezeichnung für Ceylon, jetzt Sri Lanka.

Wenn wir also serendipisieren, dann lassen wir uns auch auf Dinge links und rechts vom Wege ein und verfolgen nicht einfach den geraden oder effektivsten Weg. In den Seitengassen entdeckt man ja oft auch  ganz praktisch Überraschendes. Und wer zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist, sieht und entdeckt viel mehr, als auf der gleichen Reise mit dem Auto.

Basis – und das sollte schon zwischen den Zeilen deutlich geworden sein – für Serendipity ist der Müßiggang – etwas, das in unserer heutigen beschleunigten Zeit so gar keine “Lobby” mehr hat.

Doch immerhin war der Müßiggang von der Antike bis ins Mittelalter war das Lebensideal schlechthin – der “blaue Montag” ist ein Zeugnis davon.

Luther machte Schluss mit dem Lotterleben und leitete die auf das Jenseits gerichteten Lebensenergien des mittelalterlichen Menschen zurück in das Diesseits und schuf damit die Voraussetzungen für unsere heutige industrielle Welt: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen.“ „Müßiggang ist Sünde wider Gottes gebot, der hier Arbeit befohlen hat.“

Auch moderne Kanzler stellen oftmals erstaunliche Dinge fest. Der eine spricht vom „Freizeitpark Deutschland“ der andere „Es gibt kein Recht auf Faulheit“ (in Richtung Arbeitslose gesprochen).

Doch der Mensch ist nicht nur kreativ und strebsam, er ist auch faul – von Natur aus. Denn nach Phasen der Anspannung braucht es im natürlichen Rhythmus auch immer Phasen der Entspannung.

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist auch die Tatsache, dass viele Erfindungen aus Faulheit (sprich Bequemlichkeit) gemacht wurden. Man erfand das Fahrrad, weil man zum Laufen zu faul war, das Auto, weil es wiederum bequemer war als das Fahrrad, den Computer für die Schreibmaschine, die Waschmaschine für den Zuber.

„Faulheit, jetzo will ich Dir auch ein Loblied bringen. O, wie sauer ist es mir, Dich nach Würden zu besingen! Doch ich will mein Bestes tun, nach der Arbeit ist gut ruhn.“ (Lessing)

Faulheit bedeutet nicht Nichtstun. Faulheit bedeutet auch Spiel, Kreativität, Liebe, Träumen, Meditation. Die Vita activa (Arbeit) hat als Gegensatz Vita contemplativa (Besinnung). Auch die alten Römer unterschieden zwischen „otium“ (Muße) und „negotium“ (Handel). Oder Kirchlich: Ora et labora.

Auch kann man in der einfachen monotonen Arbeit abschalten. Mahatma Gandhi setzte sich immer mal wieder ans Spinnrad. Dort konnte er abschalten und über das Leben als solches nachsinnen.

Dieser Beitrag wurde unter Modernes Leben, Sprache abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Serendipidität

  1. Riki Meyer sagt:

    Ein für mich neues Wort schlug mir entgegen – im Unikontext natürlich. nun habe ich mich kundig gemacht. Ich fand im online-Wörterbuch eine wirklich hübsche Übersetzung: “Weil es Dich gibt!” Das ist es doch: es gibt mich in dieser Welt, ich bin ein Teil von ihr, atme mit ihr und sollte doch eigentlich auch empfänglich sein für den Rhythmus der Natur. Bin ich aber gar nicht, wenn ich zu vieles im Kopf habe, was ich tun will oder auch sollte. Tun. Statt der Musse, die es mir erlaubt, mich einfach der Geschwindigkeit der Zeit anzuvertrauen. Manchmal gibt es da in mir jemanden, der mich dazu zwingt, irgendwie im Tun und doch nicht tun – auch das erlebe ich als Musse: Blumen zupfen, Tee kochen, EIN Fenster putzen oder Löcher in den Himmel gucken. – Meine eigentlich angeplante, dringend notwendige Verbreitung auf den nächsten Tag “schaffe” ich nicht – und bin dann doch bestens vorbereitet. Innerlich. Die äusserliche Vorbereitung geht dann sehr schnell von der Hand. Und gute Ideen fallen oft auch noch dabei ab.
    UBM

Hinterlasse eine Antwort