Das Ende einer Kreuzfahrt

Es wird Zeit, um auf einen der üblen und dekadenten Auswüchse unseres Zeitalters aufmerksam zu machen.

Nach dem Brand im Maschinenraum des Kreuzfahrtschiffes „Carnival Triumph“ waren diese Woche 3200 Passagiere und 1000 Besatzungsmitglieder im Golf von Mexico fünf Tage lang ohne Strom.

All for fun, fun for all“ lautete das Motto, doch für die gut 4000 Menschen wurde die Fahrt auf dem Kreuzfahrtschiff eher zum Desaster. Denn ohne Strom funktioniert auf so einem Schiff so gut wie gar nichts – es war manövrierunfähig und musste abgeschleppt werden. Besonders pikant: Die elektrisch angetriebenen Vakuumtoiletten versagten ebenfalls ihren Dienst.

Wer es sich vorzustellen vermag, wie ein Schiff aussieht, auf dem 4000 Menschen fünf Tage lang ihre Notdurft nicht „ordnungsgemäß“ verrichten konnten, wird ein Ekelgefühl kaum unterdrücken können.

Niemand wurde ernsthaft verletzt, und es war wieder einmal höchste Zeit, dass so ein „Unglück“ passierte: Kreuzfahrtschiffe sind schon lange ein Abbild unserer kranken Zivilisation: Oben die schnäppchenjagenden Passagiere, unten die Billiglohnkräfte aus der Dritten Welt; drumherum die Umwelt, die durch Schweröl, Müll und Abwässer in großem Ausmaße belastet wird.

Die Giganten der Meere sind inzwischen bis zu 360 Meter lang; das größte Schiff bietet derzeit Platz für 6300 Passagiere und 2165 Besatzungsmitglieder – manche deutsche Kleinstadt hat weniger Einwohner (aber garantiert – und rechtlich gar nicht anders denkbar – eine kommunale Kläranlage).

Außerhalb der Hoheitsgewässer ist weiterhin so gut wie alles erlaubt. Die wenigen Richtlinien zur Entsorgung von Müll zum Beispiel sind dort weiterhin freiwilliger Natur – und nur wenige neue Schiffe verfügen bisher über eigene Müllverwertungs- und entsorgungsanlagen. Alle anderen werfen, leiten, pumpen ihre Abfällen udn Abwässer ins Meer – möglichst nachts und so, dass die Passagiere das nicht mitbekommen.

Der nabu behauptet, ein solches Schiff stoße so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw. Umweltfreundliche Abgastechniken seien zwar vorhanden, würden aber nicht verwendet: Das Rostocker Unternehmen Aida taufe im Mai sein neustes Schiff „AIDAmar“ – ohne Rußfilter. Der Einbau hätte 500.000 Euro gekostet – die AIDAmar kostet 375 Millionen. Das steht anscheinend nicht im Widerspruch damit, dass es in dieser Hinsicht für Kraftfahrzeuge seit vielen Jahren ausgesprochen strenge Vorschriften gibt. So jedenfalls wird man die gesteckten Klimaziele wohl nicht erreichen.

Man darf sich einmal fragen, was zu diesem „Hype“ der Kreuzfahrten beigetragen hat. Da schließen sich Tausende von Menschen in meist kleinen Kabinen ein, essen, trinken und konsumieren im Schichtbetrieb mit Hunderten anderen, gehen Freizeitaktivitäten wie „Freeclimbing“, Bowling, Fallschirmspringen oder Auto-Scooter an Bord nach oder buchen Landgänge zu den Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Gegend. Mit Fernglas, Fotoapparat oder Digitalkamera wird noch einmal alles festgehalten – wer weiß, wielange die Pyramiden oder der Eisbär noch Bestand haben?

Dabei weiß man, dass wenn etwas „für alle“ konzipiert wird, meist Gefahr im Verzuge ist: Auch Massenkonsum hat immer Schattenseiten. Mit dieser Havarie wird schon einmal allegorisch der Untergang des Abendlandes vorweggenommen: Knöcheltief in der eigenen Scheiße stehend und hungernd die prall gefüllten aber defekten Tiefkühlkammern mit angetautem Fraß durchwühlend, das ist die moderne Apokalypse – hell for all!

Zur Reederei „Carnival Cruise“ gehört auch die vergangenes Jahr vor Italien verunglückte „Costa Concordia“.

Karl-H. Heidtmann / Jochen Voigt

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