Wir und die Anderen – ein Schmierentheater

Viele Bürger halten die EU für das gemeisame kulturelle und politische Dach europäischer Bürger. Doch der Rechtsvorgänger der EU verriet die eigentliche Intention schon in seinem Namen: „EWG – Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“.

Die EU ist eine neoliberale Wirtschaftsmacht. Sie hat weder am Schicksal einzelner Staaten noch an den in diesen lebenden Menschen Interesse. Das Ziel ist weniger das friedliche Zusammenleben der Völker oder Wohlergehen aller EU-Staaten, sondern eine optimale Organisation wirtschaftlicher Abläufe.

Und so nimmt es denn nicht wunder, wenn die europäische Idee inzwischen vollends zum „Fiskalprojekt“ verkommen ist – oder sich EU-Bürokraten über Glühbirnen streiten und zB nicht über ein gemeinsames Europa der vielen Kulturen. Daran ändern auch rührige Städtepartnerschaften nichts. Ihnen kommt maximal circensische Alibifunktion zu.

Und inzwischen haben wir gelernt: Auch in der EU sind längst nicht alle gleich: Hier die wirtschaftlich starken Staaten des Nordens, die Gerechten und Fleißigen; dort der angeblich verkommene und korrupte Süden, die Sünder und Schnorrer – inzwischen auch spöttisch „Club Med“ genannt. Im Norden wohnen die Gewinnner, im Süden die Verlierer. Der Euro wird zu einem Kampf der (besseren) Kulturen.

Solche Abziehbilder werden in Krisenzeiten seit Jahrhunderten immer wieder gerne eingesetzt. Meine Großvater deklamierte noch „Jeder Russ ein Schuss, jeder Britt ein Tritt, jeder Franzos ein Stoß!“ Keiner fragt danach, wer diese Parolen wohl lanciert hat und zu welchem Zwecke. Stattdessen plappert der so „informierte  Bürger“ hirnlos nach, was ihm die Alten sungen bzw. was die Zeitung mit den größten Buchstaben diktiert.

Jetzt soll sich der Süden gefälligst nach dem Norden richten. Protestantische Tugend sind gefordert: Sparsamkeit, Verzicht, Buße! Sogar der (noch katholische) Papst ist – welch Fügung und Zufall – inzwischen ein Deutscher und hat im Jahre 2007 schon einmal gleich die Vorhölle (Limbus) eingespart!

Einst haben uns die fleißigen, billigen und willigen Südeuropäer zu Millionen Prosperität gebracht und ein wahres Wirtschaftswunder beschert. Jetzt emigrieren deren Akademiker. Als kulinarisches Angebot sind uns Italiener, Spanier, Portugal und Griechen mit ihren Restaurants auch heute noch lieb – weil gar nicht teuer – geworden. Auch für den Strand- oder Bildungsurlaub sind uns Rom, Madrid, Lissabon oder Athen gerade recht. Doch wer seine Steuern angeblich nicht ordentlich zahlt, schon mit 60 in Rente geht oder auf Reifen ohne Profil fährt, der passt nicht zu uns protestantisch gestählten Nordeuropäern! Am Ende soll ein Europa nach dem Abbild des Nordens entstehen. Das hatten wir schon einmal, das mit dem deutschen Wesen! Könnte man dem Süden doch nur auch noch den Sommer abkaufen!

Wir Nordlichter sind eben viel „smarter“! Das beweist einmal mehr ein aktuelles Beispiel legaler Steuerreduzierung beim Konzern VW. Dass dieses Schlupfloch seitens des FA möglicherweise so weder intendiert, noch  im Sinne des Gemeinwohls war – und doch zu Mindereinnahmen von 1,5 Millarden führt, fällt zwar auf, aber es war ja eine „legale“ Manipulation – darauf legen wir Deutschen schon wert! Recht und Ordnung! Dass es trotzdem eine Sauerei ist, bei der griechische Steuerschurken vor Neid nur blass werden können, darauf kommt man vergleichsweise nicht.

Machen wir uns nichts vor, das europäische Projekt liegt fest in den Händen der Finanzminister, Banker, Währungshüter und Konzernchefs. Alles andere ist nur Makulatur! Die EU ist ebenso wenig als segensreiche und lebenswerte Organisation für die in den angeschlossenen Ländern lebenden Bürger gedacht, wie der Nationalstaat das uneingeschränkte Frommen und Gedeihen seines jeweiligen Volkes im Auge hat.

Am Ende lässt sich der Süden ohne Aussicht auf Belohnung demütigen: Ein Europa nach dem Abbild des Nordens – da könnte man die Vörholle gleich wieder einführen! Doch dass auch die Nordstaaten nicht von den Folgen niedergehender Südstaaten verschont bleiben werden, daran denkt zur Zeit wohl niemand ernsthaft. Doch irgendwer wird auch davon gewiss wieder profitieren.

Jens Jessen schreibt am 12. Juli 2012 in DIE ZEIT: „Was also ist das europäische Problem – und wird es auch bleiben, wenn die Rettung der Währung gelänge? Es ist die moralische Verwahrlosung seiner Wirtschaftseliten, die diese Verwahrlosung nicht einmal verbergen, sondern selbstzufrieden ausstellen. Ein Europa, das von solchen Herrschaften heimlich gelenkt wird, ist die Rettung nicht wert. Man kann nicht einmal den Rettungsversuch verlangen von den Bürgern, die jetzt schon wissen, dass sie am Ende die Dummen sein werden.“

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1 Antwort zu Wir und die Anderen – ein Schmierentheater

  1. Gerda Schmidt sagt:

    Ein super Beitrag, danke dafür. Das sehe ich genauso.

    EU – tja, Hauptsache wir kaufen neue Energiesparlampen, egal wie giftig die sind, und egal, wie und wo man die entsorgen kann.
    Bananen haben grade zu sein, Einheitsgröße, Einheitsmaße…alles muss gleich aussehen, gleich schmecken.
    Ich will das nicht!
    Und so wie ich das mitgekriegt habe, stehen wir Beispiel Griechenland bezüglich der Schulden um nichts nach, bzw., wir sind nicht viel besser, es wird nur nicht drüber geredet. Wir können besser vertuschen.
    Die Reichen kommen davon und der „kleine Mann“ zahlt die Zeche, das war schon immer und überall so.
    Die tägliche Verschuldung läuft…und läuft…und läuft weiter…

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