Überakademisierung?

Wir haben es in unserem Land zunehmend mit einem großen Problem zu tun, das seit geraumer Zeit auch an den Hauptschulen (und damit in der gesamten Schullandschaft) immer mehr um sich greift. Nach dem Abschluss der Grundschulzeit wollen alle Eltern mit ihren Kindern ausschließlich auf ein Gymnasium, um auf Biegen oder Brechen das Abitur zu erlangen.

Ich verstehe durchaus, dass Eltern für ihre Kinder das Beste wollen (meine Frau und ich haben selber drei erwachsene Kinder). Das darf allerdings nicht dazu führen, dass alle Eltern ihre Kinder nur noch aufs Gymnasium schicken wollen, in der Annahme, dass es ohne Abitur nicht mehr gehe. Das ist eine irrige Annahme und oftmals eine Überforderung der Kinder und Jugendlichen, die stillschweigend geduldet wird – und die für mich in dieser Form unbedingt anzuhalten ist.

Die Verantwortlichen an den Gymnasien dulden diese Fehlentwicklung, ja, sie unterstützen diese sogar noch vorbehaltlos. Sie nehmen schlichtweg jeden Bewerber auf, auch diejenigen, die absolut nicht in diese Schulstufe passen. Sie glänzen nach außen hin mit hervorragenden Anmeldezahlen, wohl wissend, dass sie sofort und gnadenlos gezielt sieben, um diejenigen aus den Schulen zu pressen, die sie sowieso nie haben wollten.

Diese Kinder/Jugendliche durchleben in dieser Zeit einen hohen Stress – und gelangen frustriert dann in eine Real- oder Hauptschule, die sich dann mit dieser Klientel abmühen muss. Sie kommen quasi als „Versager“ auf diese neue Schule. Sie kennen keine anderen Aussagen gegenüber ihren Leistungen – denn im Familienkreis / Freundeskreis und wo auch immer, waren sie in der Zeit nichts anderes als „Versager“.

Mit dem Start in den „Abstieg“ schotten sich viele völlig ab oder werden aggressiv. Sie sind oftmals schwer ansprechbar und erreichbar und müssen vorsichtig wieder aufgebaut werden. Ein mühsames Geschäft für die Lehrer/-innen der Haupt- und Realschulen.

Warum tun Eltern und Schulen es ihren Kindern an, und Politik und Medien schweigen dazu? Wir haben es mit einem gesellschaftspolitischen Problem zu tun: Man schickt sein Kind doch nicht auf eine Hauptschule! Was sollen denn die Nachbarn sagen, die Familie, die Arbeitskollegen usw., wo doch der andere Sohn schon Diplomingenieur ist und die andere Tochter gerade ihren Master gemacht hat. Also muss Kind Nummer drei leiden, und zwar gewaltig und täglich, um schließlich doch zu scheitern. Es gibt Eltern, die ihre Kinder per Anwalt auf ein Gymnasium zu pressen versuchen.

Dabei gibt unser Schulalltag für jeden alles her, um auch zu einem späteren Zeitpunkt noch andere Wege einschlagen zu können. Was macht es für einen Sinn, wenn das Kind auf dem Gymnasium immer nur zu den Schlechtesten gehört? Sehr schnell macht sich Angst und Panik breit. Wie viel erfolgreicher ist eine Schulzeit, wenn die Kinder auf einer Hauptschule immer nur zu den Besten gehören. Schule muss auch Spaß machen und dem Lernvermögen der Kinder/Jugendlichen entsprechen.

Mit jedem erfolgreichen Abschluss, ganz egal von welcher Schule, haben die Jugendlichen alle Chancen für eine gute Perspektive. Auch ohne Abitur können sie in der Wirtschaft erfolgreiche und gute Berufsabschlüsse erreichen, und das Heil liegt nicht nur beim Abitur oder Studium. Unsere Facharbeiter und Meister genießen ein hohes Ansehen in der ganzen Welt. Alle Spitzenverbände der Industrie und Wirtschaft schreien geradezu nach Facharbeitern. In anderen Ländern hat man schon lange den Wert unserer dualen Ausbildung erkannt. Warum also dieser unbändige Drang zu einer Überakademisierung?

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4 Antworten zu Überakademisierung?

  1. Jochen Voigt sagt:

    Oh, oh! Da berührst Du einen ganz wunden Punkt bei mir! Dieses verlotterte Schulsystem ist nicht mehr reformierbar und gehört zerschlagen, meiner Meinung nach. Wir brauchen eine Einheitsschule mit genügend Ressourcen. Alle Schüler, gute wie schwache, sollten ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend gefördert werden. Die Gymnasiums-Ideologie ist überholt und kann ihren hohlen Anspruch nicht einlösen. Aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung sollten handwerkliche Berufe nicht weniger Prestige genießen als akademische. Manche Menschen sind mehr für praktische Tätigkeiten berufen, andere für geistige. Warum soll das eine besser sein als das andere?

  2. Dieter Osmers sagt:

    Solange der Gesetzgeber es den Eltern weiter ermöglicht, sich über die Empfehlungen der Lehrer hinwegzusetzen, wird sich daran nichts ändern.
    Ich kenne Eltern, die sich über alle Warnungen der Lehrer hinweggesetzt haben und ihre Kinder zum Gymnasium geschickt haben. Trickreich einen Wohnsitz im Bremer Bundesland vorgetäuscht haben, weil dort das Abitur einfacher zu erlangen ist.
    Ergo scheint das Niveau dort auch nicht besonders hoch zu sein.
    Das Abitur wurde dann mit Not geschafft und dann musste ein Studienplatz gefunden werden. Was ist am einfachsten zu studieren ohne NC war dann die Frage.
    Sozialpädagogik oder BWL oder was sonst noch geht?
    Dann die Fakultät 3 mal gewechselt und schliesslich abgebrochen.
    Mit 30 Jahren noch eine Lehrstelle für einen nichtakademischen Beruf zu finden ist sehr schwer.
    Dagegen kenne ich Schornsteinfeger, Elektriker, Dachdecker etc. mit Haupt- oder Realschulabschluß, die in ihrem Beruf sehr glücklich sind und gutes Geld verdienen

  3. Ich kann Euch beiden, wie auch dem Autor nur zustimmen!

    Nur solange dieses marode System existiert und solange mit dem Abschluss auch unterschiedliche „Lebenschancen“ verbunden sind, kann ich nur jedem raten, Abitur zu machen – wenn er „das Zeug“ dazu hat bzw. auch noch aus einem „bildungsnahen“ Elternhaus kommt. Die Wahlmöglichkeiten sind einfach größer. Und nicht jeder hat die Kraft, die Weichen auf dem „zweiten Bildungsweg“ als (junger ) Erwachsener nochmal anders zu stellen.

  4. Hans Wurst sagt:

    Hier mal ein Kommentar eines Akademikers (Physiker): Ich stimme meinen Vorrednern fast vollständig zu, bis auf wenige Punkte. Einer dieser Punkte ist die Gemeinschaftsschule für alle. Ich bin überzeugt davon, dass dies nicht die Lösung des Problems ist, denn Menschen sind nicht gleich intelligent und lernen nicht gleich schnell. Ein Hauptproblem sehe ich im Prinzip „mehr Schein als Sein“, das ich immer häufiger beobachte. Ein Beispiel: Viele Realschüler (ich war auch zunächst auf einer Realschule und kenne das daher) können nach dem 10. Klasse Abschluss NICHT einmal eine simple Dachfläche ausrechnen. Schon dort fängt das Problem des „nach oben pushens“ an. Schüler die so etwas nicht können, dürften gar keinen Abschluss bekommen, sondern müssten eine Ehrenrunde drehen. Aber das wäre ja unbequem vor den Eltern und dem Staat zu verkaufen. Ähnliches beobachte ich auf allem Bildungsebenen, bis hinauf zu universitären Abschlüssen. Durch die Europäisierung/Vereinheitlichung des Bildungssystems hin zu Bachelor- und Masterstudiengängen tritt mehr und mehr eine Verschulung ein, welche es Personen erlaubt einen akademischen Abschluss zu erreichen, den sie eigentlich intellektuell nicht erreichten könnten…da im Prinzip fast alles nur noch um Auswendiglernen geht und weniger um Kreativität und intellektuelles Genius. Das Ursprungskonzept einer Uni sah aber ganz anders aus. Eine Uni ist eigentlich ein Ort für die intelligentesten 5% einer Gesellschaft, und so genutzt dient es dieser Gesellschaft auch. Stattdessen sorgt die EU jetzt dafür, dass quasi jeder den seine Eltern durchs Abitur geprügelt haben dann auch noch an die Uni geht, in der Hoffnung später viel Geld zu verdienen. Selbst Kindergärtner versuchen jetzt ihre Ausbildung als Studium anerkennen zu lassen, weil es wichtiger klingt und vielleicht mehr Geld bringt. Oder anders ausgedrückt: das Niveau sinkt. Die Folge davon ist eine Akademiker-Schwemme und sinkende Löhne für ALLE Akademiker. Ich kenne einige junge „normale“ Arbeiter die weit mehr für eine einfache Tätigkeit verdienen als studierte Fachkräfte, die mit 25 Jahren (oder 30 nach Promotion) ins Berufsleben einsteigen.

    Finanziell lohnt sich ein Studium nur noch in wenigen Fällen.
    … Eine wirklich beunruhigende Entwicklung, kommt sie doch indirekt einer Aufforderung zur Bildungsferne gleich.

    LG

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