Ein Fall von Selbstgerechtigkeit?

Seit längerer Zeit verfolgt die Öffentlichkeit zwei ähnlich gelagerte Fälle von Gesetzesbruch – allerdings mit ganz unterschiedlicher Beurteilung.

Es war einmal ein Bundespräsident, der ein etwas unklares Verhältnis zum Thema Vorteilsnahme hatte. Er ist jämmerlich daran zu Grunde gegangen und hat Häme und Ironie geerntet. Ein Sprichwort heißt: Wer hoch steigt, kann tief fallen  – er hat es im wahrsten Sinne des Wortes durchlitten. Hat er daraus gelernt? Wir wissen es nicht und werden es nie erfahren. Nun steht er vor Gericht wegen Vorteilsnahme in Höhe von 750 Euro.

Zugleich ist da ein anderes Märchen von einem Fußballspieler, der es in seiner aktiven Zeit zu Ruhm und Ansehen gebracht hat. Später steigt er dann auf in seinem Verein, auch ohne aktiver Spieler zu sein: Bald lenkt er die Geschicke des Vereins. Alle schauen auf zu ihm auf und himmeln ihn an. So ganz nebenbei ist er auch noch Unternehmer und so ganz nebenbei schafft er auch einige Millionen an der Steuer vorbei.

Er meint, er sei schlau und zeigt sich selber an, als die Sache offenkundig zu werden droht. Nun glaubt der ehemalige „Superstar“, dass er mit der Selbstanzeige ohne Bestrafung davonkomme. Er ist entsetzt über Angriffe gegenüber seiner Person und seiner Tat. Er ist entsetzt, dass er überhaupt vor Gericht kommt, es einen Prozess gibt.

Ich bemühe mich, objektiv zu bleiben und wage es, vorsichtig die Frage zu stellen: Wo ist bei den beiden genannten Fällen rein rechtlich der Unterschied? Vorteilsnahme im Amt mit einem Wert von 750 Euro und Steuerbetrug in Höhe von über 3 Millionen Euro? Gewiss, der eine Herr war Bundespräsident und damit wurden das Amt und das Ansehen Deutschlands geschädigt. Der Andere ist Präsident eines großen Fußballvereins.

Sport hat eine enorme Bedeutung für die Menschen, und diejenigen, die in und mit ihm agieren haben Vorbildfunktion. Doch der Vereinspräsident tut gerade so, als wenn es ein Unrecht sei, ihn überhaupt vor Gericht zu stellen. Er hat doch Reue gezeigt und sich selber angezeigt! Jeder Straftäter, der Reue zeigt, geständig ist und zur Klärung eines Falles beiträgt, bekommt allenfalls mildernde Umstände; doch verurteilt wird er trotzdem.

Indes in diesem Falle wird der Straftäter bejubelt und gefeiert, sodass er vor Rührung angesichts dieser ihm gegenüber gebrachten (und gewiss inszenierten) Solidarität einfach nur noch weinen kann. Vielleicht kann mir jemand das mal erklären; denn er ist kein „Robin Hood“, der die Obrigkeit beklaut, um es an die Armen zu verteilen.

Menschen, die sich am Rande der Legalität bewegen und sich eine eigene Rechtmäßigkeit schaffen, gibt es zu Hauf quer durch die ganze Bevölkerung, durch alle Berufe, Geschlechter, Altersgruppen und Nationalitäten. Doch wie kommt es, dass wir jemanden seine Vergehen verzeihen, ihm sogar deswegen zujubeln, obwohl er der Allgemeinheit großen Schaden zugefügt hat?

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