Die Stimmen der Vergangenheit

Manchmal kann ich sie hören, klar und deutlich – die Stimmen der Menschen, die nicht mehr leben.

Wer Stimmen hört, der gilt generell als gestört – doch so ist das in diesem Falle nicht gemeint! Denn diese Stimmen erzählen mir nichts, nein, ich kann mich nur an ihren Klang erinnern, ihn reproduzieren. Denn die menschliche Stimme ist ja unverwechselbar, und so wie ich das Äußere von mir bekannten Menschen farbig vor meinem geistigen Auge imaginieren kann, so kann ich sie auch hören.

Natürlich kann ich auch die Stimmen von Lebenden in meinem Gedächtnis hören. Doch meine Erinnerung ist dabei umso schwächer, desto jünger ich war – das ist auch wissenschaftlich ein Fakt. So kann ich die Stimme meiner Großmutter Catherine nicht oder kaum mehr wiederfinden, wohl aber die meines Großvaters, der zwei Jahre nach ihr starb.

Auch Martha-Rad höre ich ohne Weiteres, genauso wie Erna Schwarmann oder ihren Bruder Eberhard. Auch Elfriede Selz vernehme ich deutlich, kann sie sogar herzhaft lachen hören. Meine Mutter, mein Vater, Joop, Henny, Elly, Piet – alle sind sie da in meinem akustischen Museum. Es ist ein großes Stimmengewirr, so wie damals, wenn die Altvorderen zum Feiern zusammenkamen – darin waren sie gut!

Auch Klaus sonore Stimme ist präsent, genau so wie die von Helmut oder Thomas. Was haben sie mir alles erzählt einst? Die Erinnerung ist verblasst. Was würden sie mir heute sagen?

Übrigens: Der Autor Uwe Timm hat dieses Phänomen der Stimmen in bemerkenswerter Weise in seinem Roman „Halbschatten“ benutzt, um die Toten des Berliner Invalidenfriedhofs gleich einer großen historischen Kakophonie zu Wort kommen zu lassen – überaus lesenswert!

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