Über die Gier

Scrupulous im Englischen ist, wer Skrupel hat. Skrupellos im Deutschen ist, wer sich rücksichtslos bereichert. 

Friedrich Schorlemmer hat in „DIE ZEIT“ (29/2013: 52) einen beachtenswerten Aufsatz mit dem Titel „Das Prinzip Gier“ geschrieben. Denn „Wo die Gier zum Lebensprinzip avanciert, wird alles maßlos, ehe es kaputtgeht.“

Der Egoismus ist als Teil der Überlebenstriebes ein notwendiger Bestandteil des menschlichen Wesens. Doch wie alles, das einseitig übersteigert wird, ist auch das sog. „freie Spiel der (Markt-) Kräfte“ inzwischen zum Sieg der Gier geriert: Zum angeborenen Egoismus gesellt sich die hochmütige Tendenz, diesen „Planeten Erde verfressen und versaufen zu können.“

Zum „Endverbraucher“ gesellt sich eine „Endzeitstimmung“: Alles trachtet nach schnellem Gewinn, der langfristige Blick in die Zukunft wird immer kürzer. Doch wer keine Zukunft mehr denken will, denkt auch nicht mehr an Konsequenzen, an die, die nach uns kommen – die zunehmende Kinderlosigkeit materiell erfolgreicher Nationen ist ein beredter Beleg für diese Tendenz.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“ zitiert der Theologe Schorlemmer passend aus dem Neuen Testament. Doch was, wenn, da wo einst die Seele war, jetzt nur noch ein Vakuum ist, weil Faust einmal mehr seine Seele dem Teufel verkauft hat?

Das blinde Vertrauen in einen Markt, der sich angeblich selber regelt, ist gewollt. Wie sonst könnte man sehendes Auges rund um den Globus geführten Kriege zustimmen, die letztlich nur aus Gewinnstreben erfolgen – auch wenn sich die beteiligten Nationen hier und da ein humanitäres Deckmäntelchen geben.

Dabei gäbe es genug – nachhaltige – Alternativen zum endzeitlichen Tun. Ein erstes Ziel müsste es sein, dass (wieder) jeder von seiner Hände Arbeit leben können kann. Dann müsste die gesamte Daseinsvorsorge – Wohnungen, Wasser, Strom, ÖPNV, Gesundheit usw. –  nicht mehr länger unter dem Prinzip der Gewinnmaximierung geführt werden. Die zur Zeit zu beobachtende Rekommunalisierung von Stadtwerken zeigt den richtigen Weg.

Bereits Karl Marx hatte sich in seinen frühen Schriften vehement gegen die sich ins Unendliche steigernde Gier nach Geld gewandt und seinen Unmut geäußert gegen eine Welt, „in der der Nichtbesitzende erniedrigt, beleidigt, verachtet und geknechtet wird.“ Für ihn war der Klassenkampf daher ein Kampf der Erniedrigten und Beleidigten um ihre Würde, an dessen Ende die sozialen Verhältnisse umgestoßen werden.

Für Schorlemmer sind es „die uneingeschränkte Geldgier, die rücksichtslose Effizienz, die Herzkälte gegenüber einer ausblutenden Natur, die heute an Revolution denken lassen.“

Wo es weder ein reales Gegenmodell und noch nicht einmal die Utopie eines besseren Staatssystems gibt, hat der Sieg der Marktwirtschaft über die sozialistischen Staatssysteme die Gier vollends entfesselt.

Doch was „unsere Weltgesellschaft jetzt braucht, ist Rücksicht als langfristiges Handlungsprinzip.“ – „Keiner“, schreibt Schorlemmer, „muss sich physisch oder psychisch über den anderen erheben und mehr für sich beanspruchen, als allen zuträglich ist.“

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1 Antwort zu Über die Gier

  1. EGemeinhardt sagt:

    Nachdem das konkurrierende Modell im Osten weg war, zeigte der Kapitalismus sein wahres,brutales Gesicht. Leider ist aber für die USA der „Kalte Krieg“ keineswegs zu Ende – und sie führen heisse Kriege überall in der Welt, vorgeblich gegen Terror (den sie durch ihre Kriege aber selbst provozieren), in Wirklichkeit immer für ihre eigenen Interessen.- Nach den Erfahrungen mit NSA und den Enthüllungen von J. Perkins, Scahill, Goetz, Snowden etc. wäre es eine Katastrophe, wenn unsere unterwürfigen nationalen und EU-Politiker uns in das Handelsabkommen mit den USA treiben würden. Es ginge dabei wieder nur um die Interessen der USA – Europa hätte nicht mal mehr die Möglichkeit des Widerspruchs. – Wir müssen um unsere Demokratie kämpfen – unsere Politiker sind dabei, sie an die Wand zu fahren!!

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