Über Nestwärme und Nestflüchter

Nahezu alle Lebewesen brauchen nach ihrer Geburt eine unterschiedlich lange Phase der Nestwärme, Geborgenheit und elterlichen Fürsorge. Bei Menschenkindern ist diese Zeit besonders lang.

Doch wenn dann der Tag gekommen ist, will auch der menschliche Nachwuchs eigene Wege gehen. Die Jungen brauchen erfahrungsgemäß meist etwas länger als die Mädchen, bis sie sich abnabeln.

Auch gibt es generell eine Varianz von mehreren Jahren: Manches Kind kann gar nicht früh genug verschwinden und möchte am liebsten schon mit 16 Jahren ausziehen, andere wohnen hingegen noch mit 30 gerne im Hotel Mama.

Danach bleiben die Kinderzimmer meist für eine Weile erhalten, und in der Regel ist es der pragmatische Vater, der über eine alternative Verwendung anfängt nachzudenken. Die emotionale Mutter hält solches Ansinnen meist für herzlos – und so dämmert das ehemalige Kinderzimmer einige Jahre in einem Zustand zwischen Baum und Borke dahin.

Vielleicht nutzt die Mutter es hin und wieder und dann zunehmend als Ablageort für die zu bügelnde Wäsche oder gar als Bügelzimmer. Im schlimmsten Fall wird es zum Ablageort für alles Mögliche. Das Kind hat ohnehin viele Gegenstände nach und nach ins neue eigene Zuhause überführt. Was bleibt, das verbleibt. Lücken im Mobiliar blecken wie ein kaputtes Gebiss.

Kommt das Kind zu Besuch, bleibt es meist nicht lange und nimmt lieber den letzten Zug als im ehemaligen und nun etwas unwirtlichen Kinderzimmer zu übernachten. Das elterliche Haus bietet nicht mehr länger die einst so notwendige Geborgenheit, dem einstigen Zimmer fehlt die Gemütlichkeit – das Kind fühlt sich eher unwohl.

Dies ist dann die Stunde des Vaters, der nun entweder ein eigenes Zimmer bekommt, entweder weil er schon lange zu laut schnarcht oder weil er seinem Hobby nun endlich frönen kann. Es kann auch zu Besitzansprüchen der Mutter kommen, die ein Bügelzimmer, Fernsehzimmern, eigenes Zimmer usw. wünscht.

Ist noch ein jüngeres Kind im Haus, meldet dies ggf. ebenfalls Ansprüche an. Alternativ wird das Zimmer auch zum Multifunktionsraum von Gästezimmer (für Kinder, Verwandte und Freunde), Hobbyzimmer oder Funktionsraum.

Das Mobiliar wird also wieder aufgefüllt, die Reihen fest geschlossen, Altes wird entsorgt, Neues erworben. Die Alten sind zufrieden. Was bleibt, ist eine wehmütige Erinnerung an einst, als hier noch junges Leben den Raum beseelte.

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