Plädoyer für den Müßiggang

In unserer beschleunigten postmodernen Gesellschaft betrachten viele Zeitgenossen als gutes Leben, wenn sie möglichst viel pro Zeiteinheit erleben – der Stress der beruflichen Alltags wird nahtlos auf die Freizeit übertragen, ein Termin jagt den nächsten, „Europe in 10 days“.

Doch erweist sich dieses Ansinnen wie das Zappen durchs TV-Programm: Man hat viel gesehen, aber nichts Interessantes erlebt – und man kann nicht aufhören damit, wird aber immer unzufriedener.

Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung. Serienautos, die schneller als 200 km/h fahren sind die Regel, ICE-Züge fahren mit über 300 km/h noch schneller, die Reisegschwindigkeit von Passagierflugzeugen beträgt nicht selten 800 km/h und Düsenjäger fliegen mit Mach 2 und mehr.

Kein Wunder, dass manchem angesichts solcher Geschwindkeiten schwindelt, wenn man bedenkt, dass Menschen ja schon in den ersten Eisenbahnen bei 15 km/h „blümerant“ geworden sein soll. Der technologische Fortschritt erscheint seit Jahrtausenden unaufhaltsam. Doch immer gab es Gegner und Bedenkenträger. Dem Mathematiker Blaise Pascal wird gar der Satz zugeschrieben:

„Das ganze Elend kommt daher, dass die Menschen nicht zu Hause bleiben“.

Der Gegentrend kommt zeitgeistig mit englischen Begriffen daher, die meist mit „slow“ oder „down“ beginnen. Aufhalten wird man die Beschleunigung mitnichten können, wie Prof. emer. Karlheinz Geißler so schön in seinem neuen Buch ausgeführt hat. Es gibt keinen Weg zurück. Der Geist ist aus der Flasche! Damit bleibt die Langsamkeit den Kleinen, Alten, unbelehrbaren „Spinnern“ oder „Zeithabern“ vorbehalten.

Selbst das Radfahren ist noch zu schnell, jedenfalls für jene, die genug Zeit haben. Und wer immer wieder gerne anhalten will und im Augenblick verweilen möchte, der ist zu Fuß in der Tat besser beraten.

Denn auch die gegenüber anderen Verkehrsmitteln vergleichsweise langsame Art der Fortbewegung per Pedal ist noch zu schnell, um detailliert wahrzunehmen. Eher ist auch das Radfahren dem Zweck gedient, von A nach B zu gelangen. Und mancher Freitzeitsportler setzt sich auch auf dem Radsattel unter Zeitdruck, fährt ausschließlich nach Uhr, Geschwindkeit oder Puls.

Das Gehen, Schlendern, Bummeln, Wandern usw. hingegen ist die Fortbewegungsart des „Müßig-Gängers“. Er kann jederzeit verweilen und sein Weg ist oft unbestimmt, nur seiner spontanen Eingebung oder Laune unterworfen. Gehen ist zudem meditativer als Fahren – es gibt sogar einige Formen der Gehmeditation. Unsere Wahrnehmung ist nämlich abgelenkt bei schneller Fortbewegung. Sinne und Seele brauchen nämlich Zeit zum Entdecken.

Das Wandern sollte unbeschwert sein, soll es entspannen. Ein Rücken voller Gepäck lässt – zumindest beim Ungeübten – wenig Gelegenheit für ausgiebige Betrachtung und Kontemplation – HaPe Kerkeling lässt grüßen! Und man muss auch beim Wandern stehenbleiben, will man wirklich sehen und entdecken.

Also machen wir uns auf die Wanderschaft – wie so mancher große Geist vor uns. Johann Gottfried Seume ist einst gar nach Sizilien aufgebrochen: Er marschierte am 6. Dezember 1801 von Grimma in Sachsen los und kam 1. April 1802 in Syrakus an. Seine Liebe zur Heimat ließ Theodor Fontane zwischen 1859 und 1889 dreißig Jahre lang die Mark Brandenburg durchwandern. Friedrich Nietzsche, der „Einsiedler von Sils-Maria“ war ein ausdauernder Spaziergänger, der die grandiose Hochgebirgslandschaft des Oberengadins während seiner sieben Sommeraufenthalte zwischen 1881 und 1888 Jahr für Jahr erlebte. Martin Heideggers Philosophie ist angeblich auf Feldwegen entstanden.

Doch weite Wanderungen sind nicht jedermanns Sache: Anfang Dezember 1801 machte sich Friedrich Hölderlin von Nürtingen auf nach Bordeaux. Schon nach wenigen Wochen kehrt er völlig erschöpft zurück.

Machen wir also einfach nur einen ersten Schritt. Das reicht vorerst, denn auch die längste Reise fängt mit eben diesem an.

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