Erfüllungsmelancholie

Jeder kennt das: Ober bei einer Wanderung oder der Anreise zum Urlaubsort, der Hinweg will lang und endlos erscheinen. Hat man jedoch sein Ziel erreicht und den Rückweg angetreten, so will dieser nicht nur kürzer erscheinen, sondern es fällt einen auch gleich so etwas wie Wehmut an – oder wem der Begriff besser gefällt: „Erfüllungsmelancholie„.

Ähnlich verhält es sich mit den Ferien. Die Tage scheinen zunächst endlos zu sein. Doch ist die Ferienmitte erst einmal erreicht und das „Bergfest“ gefeiert, vergehen die restlichen Tage schnell. War eben noch Nikolaus, und freute man sich zwei Wochen später auf die kommende Weihnachtszeit, liegt sie nun schon wieder hinter uns.

Danach wurde Silvester gebührend gefeiert, und plötzlich war Neujahr da! Mit Epiphanias enden nun die Rauhnächte. Manchem fällt es jetzt schwer, den Tannenbaum abzutakeln und zu entsorgen – dann gibt es immer ein Loch im Wohnzimmer.

Auch als Agnostiker kann man der Adventszeit viel abgewinnen. Es ist – als freie Zeit – eine ganz andere als zB die Oster- oder Sommerferien. Die Stimmung ist besonders. Das Leben spielt sich überwiegend drinnen ab, weniger draußen, wo man sich verlieren und verlaufen kann. Auch überlagern in dieser Zeit ganz andere Düfte das Haus.

Mancher beschwert sich über die dunkle Jahreszeit, aber sie ist gut zum „Insichgehen“,  gut für Nachdenklichkeit. Der Winter lässt uns an- und innehalten. Darin verbirgt sich die Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen.

So mag es auch im Leben sein. Kaum kann man es erwarten, sechs, zehn, zwölf, sechzehn oder achtzehn Jahre alt zu werden. Mit 30 Jahren schwant einem, dass nun ein anderer Lebensabschnitt beginnt. Manch bis dahin Unverheirateter muss sich da von seinen Freunden hänseln lassen und Treppen fegen oder Klinken putzen.

Doch bis zur Lebensmitte ist noch viel Zeit. Hat man diese jedoch erreicht, vergeht einem die Zeit wie im Fluge – wie fast alle Menschen in diesem Lebensabschnitt berichten.

Und plötzlich zählt wieder jeder Tag.

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