Über die Re-Infantilisierung des Menschen

Claudia Roth von den Grünen berichtete jüngst von einem „Candystorm„, der über sie gekommen sei“. Nun, wenigstens war es nicht der „Heilige Geist“ und nicht jeder hat solches Glück – manchen erwischt dagegen ein „Shitstorm„.

Die Rückkehr zur oralen bzw. analen Phase scheint damit auf dieser Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung vollzogen. Ganze Völker regredieren geistig offenbar wieder zu Vorschülern: Ähnlich wie einst die „Teletubbies“ tragen sie ihr iPad vor ihrem Bauch und sagen bei jeder Gelegenheit „Ah-oh!“

Leute, das funzt so nicht!“ bloggte einst ein Freund, den nicht nur die sprachlichen Neuerungen der sozialen Medien so anzogen ein schwarzes Loch alle Materie: Die Liste seiner „Follower“ bei twitter, die ihm bei seinen täglichen Verrichtungen folgte, wuchs ebenfalls beständig: „Ich gehe jetzt duschen!“ Solche „News“ haben seitdem den gesamten Globus wie eine Panepidemie überzogen.

Jüngst hat man gar den Papst medienwirksam vor ein iPad gesetzt und twittern lassen („I bless all of you from my heart„; @Pontifex) 500.000 Follower an einem Tag! Und dass, obwohl es noch gar keinen „tweet“ gab! Das grenzt einmal mehr an Wunder und beweist, wie vital die katholische Kirche immer noch ist!

Was angesichts des betagten und angesichts des Tablett-PCs leicht desorientierten aber noch längst nicht biblisch alten Joseph Aloisius Ratzinger etwas arg inszeniert wirkte, hat eine lange christliche Tradition: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich“ (Matthäus, Kapitel 19, 14).

In der Tat, naiv muss man schon sein, will man den vielen erstaunlichen Geschichten der christlichen Heilslehre folgen. Da ist es nur konsequent, wenn man die Mär modern weiterspinnt; von einem 85-jährigen Papst zum Beispiel, der mit Millionen von Gläubigen persönlich twittert. So gesehen hatte Jesus wohl noch Glück, dass Orte wie Nazareth und Bethlehem einst noch veritable Funklöcher waren. Damals half nur Beten als einzige Form transzendentaler Kommunikation – denn Gott twitterte (noch) nicht.

Auch weltlicherseits kaum ein Politiker, der nicht „persönlich“ twittern würde oder bei facebook vertreten ist: „Guido und Angela sind jetzt Freunde!“ Selbst mehr oder weniger gestandene Manns- und Weibsbilder des öffentlichen Lebens lassen ihr Fußvolk ebenso über sich und ihre Beiträge per „like it / gefällt mir“ abstimmen, wie seriöse Unternehmen meinen, sich diesem Trend ebenfalls nicht länger verschließen zu können: „38 Personen gefällt dieser Beitrag!“

Und wenn die „Piraten“ nun öffentlich, ganz wie einst Jules Verne vom Mond, von einer „friedlichen Besiedlung des Mars“ träumen, weiß man nicht genau, ob sie selber den satirischen Gehalt dieser „News“ transzendiert haben oder damit tatsächlich auf den geistigen Zustand der Nation referieren wollen.

„Die Sonne wird bald untergehen, die Teletubbies sagen auf Wiedersehen. Winke-winke!“

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1 Antwort zu Über die Re-Infantilisierung des Menschen

  1. Oh. Ja : Lasset die Kindlein zu sich kommen

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