Tatort Hauptbahnhof Berlin

Ankunft ICE 4535 an Gleis 13, Berlin Hauptbahnhof. Der hellgraue Triebkopf mit dem roten Streifen dröhnt langsamer werdend vorbei, Bremsen quietschen, der erste Bordbistrowagen gleitet geruchlos vorüber, ein letzter schriller Schrei der Bremsen – der doppelt gekoppelte, unendlich lange Zug steht.

Berlin Hauptbahnhof, Berlin Hauptbahnhof“, schallt es aus den Lautsprechern. Türen zischen auf, Fahrgäste und Gepäck purzeln heraus, Wartende winken, erspähen die Ersehnten, die Menge ordnet sich, nimmt Kurs auf die Rolltreppen.

Kaum ist eine der Türen in der ersten Klasse von Fahrgästen entblößt, eilt ein Herr um die 70 Lebensjahre mit weißem Mantel und schwarzem Hut zielstrebig in einen der Waggons, verschwindet, taucht wenig später an dessen hinteren Tür wieder auf, klettert behende heraus, spricht mit dem Schaffner hastig ein paar schnelle Worte, springt dann in die nächste offene Tür, hetzt auch durch diesen Waggon, während der Ansager bereits die Weiterfahrt des Zuges zum Ostbahnhof bekannt gibt und sich alle Türen bis auf eine schließen.

Diese eine ist dem Schaffner vorbehalten, der die grüne Kelle schon in der Hand hat, um dem Zugführer das Abfahrtsignal zu geben.

Buchstäblich in letzter Sekunde taucht in der geöffneten Türe eine weit ausgestreckte Hand mit einer „Süddeutschen“ auf, Hut und Mantel folgen, das Gesicht wird gekrönt von einem triumphierenden Siegesblick: „Ich hab sie!“ ruft er einer Frau zu, die sich bereits vorher peinlich berührt abgewendet hat. Denn der Herr war ihr nicht nur peinlich, er war zudem auch noch ihr Vater – und hervorragend besoldeter Regierungsdirektor im Ruhestand.

Er hätte sich eine „Süddeutsche“ jederzeit leisten können, doch die über viele Jahrzehnte kultivierte Südoldenburger Sparsamkeit hatte sich wieder einmal durchgesetzt. Der alte Herr wusste nämlich genau, dass in der 1. Klasse immer Ausgaben verschiedener Tageszeitungen – zwar bereits gelesen aber – kostenlos herumlagen. Man musste einfach nur schnell genug sein oder riskieren, dass man schlimmstenfalls ohne Fahrschein erwischt würde und auf dem Berliner Ostbahnhof landete.

Die Tochter jedenfalls hätte es sich sehnlichst einmal gewünscht. Dieses Mal ist ihr Wunsch noch nicht in Erfüllung gegangen.

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