Fortschritt durch Leiden?

Der November ist ein meist grauer Monat voller Trauer und Buße.

Doch Schwermut gilt besonders in Deutschland als Quell schöpferischer Kraft. Ohne eine heftige Depression hätte Goethe vermutlich nie seinen Werther geschrieben, van Gogh nicht seinen Durchbruch als Maler gehabt und Beethoven nicht seine neun Symphonien komponiert. Bruckner hätte sein Te Deum niemals komponiert, Proust seine Recherche nicht geschrieben; Paul Cézanne wäre es nie gelungen, den Mont Sainte Victoire in all seinen Schattierungen zu malen; Gottfried Benn wollte noch im Alter lieber in seinem Zimmer hocken, anstatt das ‚Menschentum und sein Gebarme‘ ertragen zu müssen.

Alle Veränderung resultiert aus Leid.“ (Goethe)

Es gäbe melancholische Komik aus der Darstellung von Hagestolzen, alten Jungfern und im Schmerz eingekapselten Witwern oder Witwen von  Carl Spitzweg und keine Bilder des Amerikaners Edward Hopper mit an einer Theke sitzenden Menschen ohne soziale Bindung in einer Motel-Bar. ”Was wäre aus mir ohne die sogenannten Schicksalsschläge geworden?” schreibt auch Walter Kempowski in seinen Tagebüchern.

Die Liste berühmter depressiver Geister ist lang: Georg Büchner, Wilhelm Busch, Charles Dickens, Fjodor Dostojewski, Thomas Mann, Oskar Wilde, Emile Zola, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Ludwig Wittgenstein, Karl Marx, Marie Curie, Sigmund Freud – um nur einige zu nennen.

“Ein kräftiges Leid erspart oft zehn Jahre Meditation”. (C. G. Jung)

Das deutsche Wort „Wehmut“ bezeichnet ein Gefühl zarter Traurigkeit, hervorgerufen durch Erinnerung an Vergangenes. Bei wehmütigen Regungen ist die Vergangenheit der Quell von bitter-süßer Freude. Somit ist die Wehmut eine emotionale Vergangenheits- und Gefühlsreflexion. Wehmut grenzt sich zur Melancholie ab, die sich mit einem eher diffusen Trauergefühl, das die Sinnlosigkeit der Gegenwärtigkeit beklagt, beschäftigt.

Der Übergang von zarter Melancholie zu heftiger Depression ist ein fließender. Jeder zwölfte Deutsche litt im Jahre 2011 an einermehrwöchigen Depression. „Die krankhafte Niedergeschlagenheit droht – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – zu einer Pest des 21. Jahrhunderts zu werden.“ (Stefan Klein)

Klein hält dagegen, dass Glück in der Evolution dem Organismus als Signal diente und zu einem Verhalten führte, das die Chancen auf Überleben, Fortpflanzung und Geselligkeit steigerte. „Positive Emotionen, Gedanken und die Bereitschaft zum Handeln hängen untrennbar zusammen.“

Fördert nun die Schwermut den kulturellen Fortschritt? Der Philosoph Wilhelm Schmidt meint, ja: „Hätten in der Geschichte nur Glück und Zufriedenheit geherrscht, säßen wir wahrscheinlich immer noch auf Bäumen.“

In der Tat hielt die deutsche Kultur lange negative Gefühle für wertvoller als positive – dies nicht zuletzt ein Erbe der Romantik. Doch inzwischen bestätigen eine Vielzahl von Studien immer wieder allen Ideen der Romantik zum Trotz, dass es eher die guten Gefühle sind, die Menschen kreativ machen. Die Pausenglocke einer Schule setzt eben mehr positive Gefühle frei als die Ankündigung einer Mathearbeit. Das Zuckerbrot spornt eben nachweislich mehr an als die Peitsche.

„Wenn Organisationen trotzdem noch immer mit negativen Emotionen zu motivieren versuchen – Schulen mit Angst vor Nicht-Versetzung, Universitäten mit Angst um den Abschluss und Unternehmen mit Angst um den Arbeitsplatz – betreiben sie eine gigantische Verschwendung menschlichen Talents.“ (Stefan Klein)

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