Toleranz – doch wie weit?

Toleranz wird seit Jahrzehnten allerorten gefordert: Toleranz gegenüber Andersgläubigen, Andersfarbigen, anderen Meinungen oder anderen Lebensweisen. Lebenspraxis und Realpolitik sehen jedoch anders aus. Grund genug, noch einmal genauer hinzuschauen.

Toleranz leitet sich wie viele Fremdworte aus dem Lateinischen ab. Dort steht tolerare für erdulden, ertragen. Wer also tolerant ist, (er-) duldet andere.

Doch andere und deren Standpunkte oder Verhaltensweisen zu ertragen, bedeutet nicht gleichzeitig, diese auch zu teilen. Manchmal muss sie nur aushalten können. Das wäre dann wohl tolerant.

Lange habe ich gedacht, Toleranz sei ein grundsätzlich hoch zu haltender Wert. Doch das stimmt so generaliter nicht. Toleranz ist keinesfalls mit „anything goes“ oder gar „Gleichgültigkeit“ gleichzusetzen. Denn es gibt Themen, bei denen auch weiterhin oder gar zunehmend „zero tolerance“ angezeigt ist.

Doch wo ist der genaue Grenzverlauf? Welche Meinung, welche Verhaltensweise ist (noch) tolerierbar, welche nicht? Wir Menschen stellen dafür meist Spielregeln oder gar Gesetze auf. Doch lassen sich nun einmal keine Regeln für alle denkbar möglichen – und damit unendlich vielen – Fälle aufstellen. Schon jetzt ist die Gesetzeslage so unüberichtlich, dass es Tausender Spezialisten bedarf, um diese zu intepretieren: Rechtsanwälte, Richter, Steuerberater usw.

Bei aller Toleranz wird es immer wieder notwendig sein, zu widersprechen, „nein“ zu sagen. Das allerdings setzt voraus, das man selber klare Wertvorstellungen hat.

Vielleicht dieses chinesische Sprichwort zum Schluss, das man bei Walter Benjamin finden kann: „Jeder kann seine eigene Meinung haben, aber manche verdient Prügel.“

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