Die langsame Reise ins Ich

Wer das Leben verstehen will, wer also ins Ich reisen will, der sollte sich zu Fuß bewegen – ganz gleich ob langsam gehend, meditativ schreitend, wandernd, pilgernd oder sportlich laufend. Gehen ist die langsamste aller menschlichen Fortbewegungsarten. Es gibt irgendwann nur noch den nächsten Schritt. Der Kopf leert sich nach und nach.

„Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken, sondern ebenso ihre Stilllegung.“ (Walter Benjamin)

Schon immer sind die Menschen gegangen, sind sie doch von Natur aus Nomaden. Manchen trieb die Suche nach dem Unbekannten fort, manchen das Abenteuer, viele der Handel. Für andere hatte das Reisen eine Erlösungs- oder Heildimension.

Berge haben es dabei den Menschen besonders angetan. Nicht von Ungefähr hat das „Erhabene“ seine Wurzeln im Höheren. So haben alle Religionen ihre „heiligen Berge“, sei es der Sinai, der Olymp, der Ölberg oder der Tempelberg. Auf dem Berg ist man Gott vermeintlich näher.

Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äußert, und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann“ (Schiller).

Rousseau unternahm erste Touren in die Alpen: „Es ist, als nähmen die Gedanken einen Anflug von Größe und Erhebenheit an, stünden mit den Dingen, über die unser Blick schweift, in Einklang und atmeten eine gewisse ruhige Freude, die sich von allem Sinnlichen und von jeder Leidenschaft freihält.“

Auch Goethe ist viel gereist – und ohne seine Italienreise wäre sein Werk ein anderes. Seine Reise war Flucht. Die Arbeit als Minister in Weimar hatte seine literarische Kreativität blockiert. Italien war schon seit der Kindheit sein Traum gewesen:

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl? Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!“

Schlegel reist durch Frankreich. Nietzsche ging immer wieder über die Alpen nach Süden, weil das Leben dort so anders war. Hölderlin bricht 1801 von Nürtingen nach Bordeaux auf – diese Winterreise brachte den fatalen Wendepunkt in Hölderlins Leben und Schreiben, als er nach wenigen Wochen tief erschöpft umkehrte.

„Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein. Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.“ (Hölderlin)

Landschaften erheben die Gedanken, wirken aufs Gemüt – das weiß nicht nur der Betrachter von Bildern wie jenen von Caspar David Friedrich – geben der Seele „etwas von ihrer ursprünglichen Reinheit zurück„, wie JJ Rousseau schreibt.

„Wir erfahren also durch das Gefühl des Erhabenen, daß sich der Zustand unsers Geistes nicht notwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, daß die Gesetze der Natur nicht notwendig auch die unsrigen sind, und daß wir ein selbstständiges Prinzipium in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen unabhängig ist.“ (Schiller)

Diese alte Sehnsucht nach der Fremde hat heute zur größten Wirtschaftsbranche überhaupt geführt: Dem Tourismus. Doch in seiner Pervertierung als Massentourismus zerstört der Tourist das, was er sucht, indem er es findet (frei nach Enzensberger).

Der Auslöser ist immer noch die Aufbruchssehnsucht in die Ferne. Wer aufbricht, muss Vertrautes und lieb Gewonnenes zurücklassen. Wer aufbricht, muss sich dem Fremden und Neuen aussetzen. Wer dann zurückkehrt, weiß das Alte und Vertraute neu zu schätzen.

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