Oma Semper kommt zu Besuch

Bäcker Jacobs

In meiner behüteten Kindheit im kleinen Orte Sagehorn (heute Ortsteil von Oyten) im Hause meiner Großeltern und Eltern in Sagehorn No. 79 (die Häuser wurden einst nach der Reihenfolge ihrer Erbauung nummeriert, Nordlohs hatten zB No. 5) bekam meine Großmutter Catherine oft Besuch. Sie war als Frau mit guten Vorräten an Milch, Butter, Eiern und Gemüse und einem großen Herzen bekannt. Niemand, der kam, ging mit leeren Händen.

Wie viele Menschen mit eigenem Haus und Grundstück in jenen 50er Jahren hatten auch wir einen großen Gemüsegarten (Kartoffeln, Erbsen, Bohnen, Palbohnen, Wurzeln, vielleicht auch Salat?) und diverse Obstbäume (mancher Apfelbaum steht heute noch, drei verschiedene Birnenbäume, Zwetschgen und eine Eierpflaume). Nicht zu vergessen: Johannisbeeren und Stachelbeeren!

Mein Großvater Heinrich hatte zudem einen kleinen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb zur Selbstversorgung: Zwei Kühe, fünf Schweine, zehn Hühner, manchmal auch ein paar Gänse. Ein Jahr hatten wir auch mal 15 Puter, aber die sind dann immer hunderte Meter weit weggeflogen, und wir bekamen dann die Nachricht: „Jo Puters pickt bi us im Goorn!“ Mutter musste sie dann schnell wieder einsammeln, diese lärmende und flatternde Schar. Das ging natürlich auf die Dauer nicht. Ab in die Suppe! Täglich Puter, brrrr …

Es gab zwar gleich gegenüber den „Kolonialwarenladen“ Schwarmann – aber frisches Obst und Gemüse gab es damals dort nicht. Das hatte jeder selber. Das kam erst später, als die ersten Discounter wie „Kafu“ in Bremen aufmachten. Obst und Gemüse wurden für den Winter „eingeweckt“ – Birnen, Pflaumen, Apfelmus und die Bohnen. Kartoffeln und Wurzeln kamen gleich wieder unter die Erde in die „Miete“ oder in den dunklen Keller in die Kartoffelkiste.

Aus der Milch bzw. der Sahne wurde Butter gemacht. Da die Milch damals nicht sterilisiert oder homogenisiert war, brauchte man sie nur in Schälchen auf die Fensterbank in der Speisekammer (auch durch Kühlschränke usw. aus der Mode gekommen) zu stellen und hatte zwei Tage später „Dicke Milch“, Quark dauert etwas länger, der musste ja auch gepresst werden.

Einen Schlachter (heute „Fleischereifachgeschäft“) gab es zwar in Oyten, aber der konnte mit uns keinen Umsatz machen. Von wegen „Darf es etwas mehr sein?“ Zwei Mal im Jahr wurde ein Schwein geschlachtet. Alles wurde sofort verwurstet, „eingeweckt“ oder wurde als Schinken gesalzen und hernach mit den Würsten für Tage in die Räucherkammer gehängt. Später hingen die geräuchertem Sachen dann ganz oben in der Speisekammer, damit da keine Mäuse dran kamen. Der Schinken steckt zudem in einem verschlossenen Leinentuch, sonst legten die Fliegen da ihre Eier rein. Schafften die es doch mal, wurde das einfach rausgeschnitten. Da ist doch nichts dabei!

Einmal die Woche kam „Oma Semper“ zu Besuch. Sie war „Rentnerin“ und wohnte damals bei „Schnieder Dieling“ mit im Hause (das Haus auf dem Foto hinter Bäcker Jacobs bzw. früher Bäcker Holsten). Später haben da auch Stelters gewohnt. Vermutlich gehörte Oma Semper zu den ausgebombten „Flüchtlingen“ aus Bremen.

Die beiden alten Damen saßen dann einander gegenüber am Fenster in der „guten Stube“, schauten raus in den Garten und auf die Dorfstraße (solange Opas „Knick“ noch nicht so hoch gewachsen war) und unterhielten sich. Vermutlich Dorftratsch. Sicher kommentierten sie die mit dem Rad zum Kolonialwarenladen Schwarmann fahrenden anderen Dorfbewohner: „Tsü, door kümt Martha al wedder, het woll wat vergeten!“ Im Winter saß man wohl eher am großen grünen Kachelofen. Ob es eine Tasse Kaffee gab?

Oma Semper war etwa gleichen Alters wie meine Oma Heidtmann und ebenso wie diese leicht gehbehindert – vermutlich haben früher die Menschen Hüftschmerzen einfach ausgehalten, statt sich wie heute mal eben ein neues Hüftgelenk einsetzen zu lassen. Deshalb gingen beide „am Stock“.

Ich weiß zwar nicht mehr, womit wir Bengels Oma Semper stets geärgert haben, aber wenn wir es ganz toll trieben, hat sie uns aus der vorderen Haustür gejagt. Einmal hat sie uns sogar ihren Handstock hinterher geschmissen. Das hat uns dann doch beeindruckt! Der Aufforderung jedoch, ihr diesen unverzüglich wieder zurückzubringen, sind wir schlauen Bengels natürlich nicht gefolgt! Wir waren sicher, dass sie uns damit einen „überziehen“ würde! Prügel mit einem Stock, das uns war nicht unbekannt in jenen Jahren, da schreckten selbst unsere Lehrer nicht vor zurück!

Aber einen „Groschen“ bekam ich trotzdem immer von ihr geschenkt, bevor sie ging. Immerhin!

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