Über Schuld und Schulden

Dass „Schuld“ und „Schulden“ nicht nur lexikalisch in einem engen Zusammenhang stehen, sondern auch semantisch, beweist nicht zuletzt die christliche Glaubenslehre, (deren Verquickung mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem spätestens unter Calvin deutlich wird, wie u.a. Max Weber in seiner „Protestantischen Wirtschaftsethik“ hinreichend beschrieben hat), deren „Vaterunser“ Sünden und Schulden in einen universellen Zusammenhang setzt: „Vergib uns unsere Sünden, wie wir vergeben unseren Schuldigern“.

Die Organisation von Geldschulden unseres Wirtschaftssystems prägt den sozialen und moralischen Charakter unserer Gesellschaften tief. Bereits Marx/Engels hatten auf den Warencharakter menschlicher Beziehungen hingewiesen und machten deutlich, wie sehr das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bedingt.

Die Geschichte ist voller Beispiele von Katastrophen, Aufständen und Kriegen, deren Ursache die Gier nach Gold und Geld ist. Vielfach war die Ursache dieser Gier drückenden Geldschulden geschuldet. Die sozialen Desaster von Geldschuld auf allen Kontinenten dieser Erde sind Legion. Veneziansiche oder genuesische Bankiers trugen daran eine ebenso große Schuld wie zB die deutschen Fugger.

Die Gesellschaft insgesamt, die ihr Wirtschaftssystem über Geldschulden organisiert, ist moralisch indifferent gegenüber den Schäden, die sie anrichtet. Geld regiert die Welt und nur ein Marktsystem, das auf Geldschulden aufgebaut ist, ist in der Lage, Geld aus Geld – und damit aus dem Nichts – zu generieren.

Und so ist denn auch die Debatte um Staatsschulden ebenso obsolet wie paradox. Ohne Schulden und ohne den damit verbundenen Zins würde das kapitalistische System nicht funktionieren. Nicht nur fehlte der Anreiz (Kredit) zum aktiven Risiko und Wagen, sondern auch der zum reaktiven Tun (Tilgung) überhaupt. Dass ohne den obligatorischen Zins auch das ebenso obligatorische Wachstumsgesetz entfiele, will niemandem auffallen.

Mit der Erfindung des Tauschmittels Geld beginnt die böse Falle. Bis dahin tauschten Handwerk, Bauern und Händler Waren in einem frei zu bestimmenden Verhältnis. Konnte jemand seinen Warenteil nicht sofort bedienen, blieb dieser als Warenkredit offen, dessen Basis das gegenseitige Vertrauen war.

In kommerziellen Ökonomien werden Transaktionen werden sofort abgerechnet. Wer nicht liquide ist, erhält Kredit. Das fehlende Vertrauen zwischen den Tauschenden wird ersetzt durch Kreditgeber, die den Grad ihres Vertrauens in die Zahlungsfähigkeit des Schuldners in Zins ausdrücken. Dies ist der Typ der heutigen Markt- und Finanzwirtschaft – Stichwort „rating“, „Bonität“, „Basel 2“.

Der Super-GAU für ein solches Wirtschaftssystem wäre, dass alle Schulden bezahlt werden – in diesem Moment stände das System nämlich still. Ein solches Schlaraffenland, bei dem der wesentliche Antrieb zur wirtschaftlichen Produktivität – Zins und Tilgung zu bedienen – fehlt, wollen weder Staaten noch die christliche Kirche sich recht vorstellen.

Denn hinter diesem Wirtschaftssystem verbirgt sich das Ungeheuerliche in seiner gesamten religiösen Monstranz: Es ist im christlichen Glauben die vermeintliche „Ur- und Erbsünde“ und damit Urschuld des Menschen gegenüber dem christlichen Gott. Andere Religionen handhaben das ähnlich. Das „Opfer“ ist Ausdruck und Versuch der Begleichung von „Schuld“. Diese metaphysische Schuldknechtschaft ist die Ausgangspunkt des materiellen Elends dieser Welt.

Dabei wäre die Lösung historisch nachweislich einfach: Das „Sabbatjahr“ ist ursprünglich in der Tora ein Ruhejahr für das Ackerland. Nach 6 Jahren Bebauung wird das Land – in Analogie zum Sabbat als Ruhetag – ein Jahr brach liegen gelassen. Damit verbunden war die Bestimmung, im Sabbatjahr die Schulden zu streichen und die Sklaven frei zu lassen. Diese Regelung führte allerdings dazu, dass vor dem Erlassjahr kaum noch Kredite gewährt wurden. Auch heute noch gilt im Insolvenzrecht die Regel, dass jemand nach sieben Jahren wieder frei von seinen Schulden ist.

Bereits die Sumerer kannten das Schuldenprinzip – auch wenn sie noch gar kein Münzgeld besaßen. Wer Ware brauchte, aber gerade nichts zum Tauschen anbieten konnte, ritzte ein Zeichen in eine Tontafel und gab diese seinem „Kreditor“. Der behielt die Tontafel aber nicht etwa, sondern gab sie weiter, wenn er selber einmal „Kredit“ brauchte. Das erste Geldsystem („zirkulationsmittel“) war geboren.

War eine Stadt nicht mehr in der Lage, die Schulden zu begleichen, dann war sie auch schon damals „pleite“. Als Lösung verkündete dann der Herrscher „Freiheit“, auf Sumerisch „Amargi„. Das bedeutete konkret, dass alle Tontafel zerbrochen wurden – die Römer nannten das später „kassieren“ (von lat. „cassare“ =  zerschlagen). Alle Schulden waren erlassen und der Kreislauf konnte von Neuem beginnen!

Man sollte sich auch nicht weismachen lassen, dass die derzeitige „Schuldenkrise“ eine „Ausgabenkrise“ sei. Es handelt sich schlicht um eine Einnahmekrise, vor allem, weil die großen Einkommen und Vermögen durch niedrigste Besteuerung geschont werden. Das Bundesfinanzgericht hat gerade (Oktober 2012) die nahezu völlige Steuerfreiheit bei Übergaben von Unternehmen an die nächste Generation moniert.

Dass die internationale Finanzindustrie keinerlei Interesse an einem schuldenfreien Gemeinwesen hat, ist ebenfalls nachvollziehbar: Gibt es doch kaum eine bessere Anlage, als in Staatsanleihen zu investieren. Geht es doch einmal schief, übernimmt die EZB die Kosten. Somit hat auch die „Schuldenkrise“ einige wenige Gewinner und ganz viele Verlierer. Und das ist kein Zufall, sondern hat System. Denn Staatsschulden drücken den Bürger, niemals den Staat.

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3 Antworten zu Über Schuld und Schulden

  1. „Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen.“

    Jesus von Nazareth (Nag Hammadi Library / Dialog des Erlösers)

    Der „Himmel auf Erden“, das Paradies ohne Erbsünde, ist alles andere als eine Utopie, sondern der eigentliche Normalzustand dieser Welt, in der allgemeiner Wohlstand auf höchstem technologischem Niveau, eine saubere Umwelt und der Weltfrieden selbstverständlich sind. Die Utopie ist die Perversion, in der die halbwegs zivilisierte Menschheit aufgrund einer bis heute bestehenden Programmierung des kollektiv Unbewussten (noch) existiert.

    Für den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation bedarf es der Überwindung der Religion (Erkenntnisprozess der Auferstehung): http://www.juengstes-gericht.net

  2. Edgar Fischer sagt:

    Die Finanzjongleure, welche die entsprechenden Gesetze machen oder machen lassen werden doch immer diesem System treu bleiben. Wenn auch für sie alle Schulden gestrichen würden, behalten sie doch die Firmen und Industrien und Immobilien und und und. Immer Gewinner. Insofern kann ihnen ja nicht viel passieren.

    Aber beginnt die Gier nicht auch im Adlernest, wenn das stärkere der beiden Küken den Bruder aus dem Nest wirft? Oder im Kindergarten, wenn sich „auf Teufel komm raus“ um ein Spielzeug gestritten wird? Was oder welches künftiges System könnte gerechter sein? Adenauer soll gesagt haben das man mit den Menschen leben muss, weil es keine anderen gibt. Also munter weiter und drauf los.

  3. Eddi,
    den Menschen unterscheidet ja vom Adler einiges. Zum Beispiel ein Verstand.
    Und am Ende der Sandkiste sitzen ja immer die Mütter.

    Und gegen Deine Sympathie mit dem Adenauerstaat zitiere ich einfach mal Kurt Tucholsky: „Nichts ist schwerer und nichts fordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: NEIN!“

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