Gegenwartsegoismus – grenzenloses Wachstum?

Die Postbank wirbt in schönem Doppelsinn jeden Abend kurz vor der Tagesschau: Unterm Strich zähl ich.“ Umweltminister Röttgen hat den Begriff „Gegenwartsegoismus“ ins Spiel gebracht für unsere Rücksichtslosigkeit, einfach weiterzumachen wie bisher.

Wir wissen schon lange, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Mit dem Wachstum. Mit der Umwelt. Mit den Schulden. Experten behaupten immer noch, dass Schulden am besten mit noch mehr Schulden zu bekämpfen seien. Kaum jemand vermag das noch zu glauben.

Dabei ist der wirtschaftliche Wachstumsgedanke gekoppelt an die Vorstellungen über uns selbst. Unter vormodernen Bedingungen herrschte noch göttlicher Wille – das Leben verlief in unerschütterlich vorgezeichneten Bahnen. Erst mit der Industrialisierung wird der Mensch selber seines Glückes Schmied. Der Mensch ist jetzt nicht mehr, wie er ist, sondern er soll, muss, kann etwas aus sich machen.

„Wir müssen eben deshalb ständig wachsen, weil wir (tief in unserem Inneren und auch implizit) überzeugt sind, dass wir auf dem Weg zu einem (wirtschaftlichen ) Paradies auf Erden sind.“ schreibt Tomáš Sedláček  in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse„. Und in der Tat war das Paradies, der Garten Eden der Israeliten, ursprünglich auf der Erde, irgendwo in Mesopotamien verortet.

Dazu bedurfte es zunächst einer Geschichte der Disziplinierung, bis der Mensch tatsächlich jene Eigenschaften hatte bzw. selber haben wollte, die eine Industriegesellschaft zum Funktionieren eben zwingend braucht: Pünktlichkeit, Selbstdisziplin, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Das rief die Staatsschulen auf den Plan.

Parallel dazu die Uhr. Und das Geld. Und den Kredit. Ohne dieses Trio ist Marktwirtschaft nicht zu machen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die Veränderungen der Außenwelt erzwingen eine Veränderung der Innenwelt. Werte wie „Selbstverantwortung“ werden nun bedeutsam. Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse ersetzt nach Marx / Engels die Peitsche des Aufsehers. Der Wecker ersetzt den Hahn auf dem Mist. Wir stehen nicht aus, weil wir ausgeschlafen haben, sondern weil die Arbeit ruft.

Jetzt geht es um ein möglichst erfolgreiches Leben. Stillstand ist Rückgang. Lebenslanges Lernen, nie enden wollende Arbeit. Niemand wird niemals fertig. Das alles erlaubt keine Zeit mehr für andere. Der Generationenvertrag wird aufgekündigt, die Alten kommen ins Heim, die Kinder in die Krippe, das Rentenalter wird kontinuierlich nach hinten verschoben.

Seitdem ist das Leben ist zum Wettlauf um die besten Plätze geworden. Müßiggang ist in Zeiten ständiger Erreichbarkeit nicht mehr angesagt. Die Beschleunigung ist enorm – die meisten sind auch noch stolz darauf, wenn sie die Langsameren überholen oder rechts ranblinken. Wir erliegen dem Wahn eines grenzenlosen Wachstumsglaubens. Das nächste Update kommt immer schneller.

Wir können offenbar nur dann an ein Ende kommen, wenn es nichts mehr zu konsumieren gibt, weil alle Ressourcen verbraucht sind. Nur ein paar Unentwegte Weltverbesserer fordern das Wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln und glauben noch an ein „Bruttosozialglück“.

(Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel von Harald Welzer im SZ-Magazin vom 16. Dezember 2011.)
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