Begegnungen – von Agnetendorf nach Rügen

Da sitzt er im Wintergarten des ehemaligen„Strandhotel Hagemeister“, heute „Panorama-Hotel“, in Lohme. Er sieht etwas antiquiert aus, wie aus einer früheren Welt, recht kahler, runder Kopf mit langem, schlohweißem Haar. Wir sind die einzigen Gäste zu dieser späten Nachmittagszeit.

Herrlicher Ausblick! Da, kurz erscheint sogar ein Regenbogen über dem Meer! Kap Arkona ist gut zu sehen, wenn auch nicht so klar wie an anderen Tagen. Immer wieder kurze Schauer.

Die Bedienung ist von ausgesuchter Freundlichkeit, der Apfelstrudel mit Vanilleeis deliziös, doch das Ambiente vor etwa 50 Jahren stehengeblieben, aber sauber. Es könnte ein wenig wärmer sein, in diesem der Terrasse vorgelagerten, schlecht isolierten Wintergarten. Ich drehe verstohlen das Ventil des Heizkörpers auf. Tatsächlich, kurz darauf wird der Radiator warm. Angenehm.

Immer wieder schaut der alte Herr aufs Meer hinaus und notiert hernach etwas auf einem angegilbten Blatt Papier.

Als sich unsere Blicke treffen, fragt er mich: „Wie finden Sie das?“ – und zitiert:

„Ja, wer flieht dem Lärm der Welt,
wer Ruhe für das Beste hält,
wer, wenn er durch die Wälder streift,
die Schönheit der Natur begreift,
wer, wenn die Sonne untergeht,
auf hohen Ufern träumend steht,
der hat gewiss in solchen Stunden,
was er in Lohme sucht, gefunden!“

Ich sage, ich fände es ganz gut gelungen, nur vielleicht ein wenig gewollt zum Schluss. Er lächelt altersmilde.

So kommen wir ins Gespräch. Er habe zeitlebens chronische Lungenprobleme, deshalb sei er, so oft er konnte, nach Rügen gekommen. Meist habe er aber im Ort Kloster auf der Insel Hiddensee gewohnt. Er sei Schriftsteller. Als er mir auf Nachfrage einige seiner Titel nennt, bin ich angenehm überrascht: Vor mir sitzt ein berühmter Mann, ein Nobelliteraturpreisträger gar! Einige seiner Werke sind mir durchaus bekannt, den „Bahnwärter Thiel“ habe ich kürzlich erst gelesen.

Thomas Mann hatte einst, maliziös wie er nun einmal war, einige Charakterzüge des alten Herren in der Person seines Mynheer Peeperkorn in seinem unendlich genialen Buch „Der Zauberberg“ verarbeitet, erinnere ich mich. Das hatte meinen Gegenüber – vielmehr aber noch seine Ehefrau, das ist überliefert – seinerzeit meines Wissens sehr verärgert. Ich frage ihn danach, jedoch er winkt in eben jener von Thomas Mann beschriebenen Weise ab: „Erledigt! Absolut!“

Lange galt er als Autor mit großer Affinität zur Arbeiterschaft. Später hat er sich wohl ein wenig zu sehr als „deutscher Dichter“ von den Nazis hofieren lassen. Seine unkritische Haltung zum „Dritten Reich“ hat ihn dann in Diskredit gebracht. Doch die literarische Bedeutung seines Gesamtwerks ist unumstritten. Er gehört zu den großen deutschen Literaten.

Er will heute noch zurück nach Hiddensee. Ich frage ihn, ob ich ihn ein Stück mitnehmen dürfe. Er lächelt vieldeutig, bedankt sich artig und sagt, er wolle noch ein wenig bleiben, den schönen Blick und die Ruhe genießen – und sich danach verflüchtigen.

Wir verabschieden uns höflich voneinander. Er empfiehlt mir zum Abschied noch eines seiner Bücher, es sei sein bestes und heiße „Die Weber“. Ich verspreche ihm, es alsbald zu lesen.

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3 Antworten zu Begegnungen – von Agnetendorf nach Rügen

  1. Hans-Werner Kleindiek sagt:

    Moin, moin Herr Heidtmann,

    da hatte ich im Stillen mit gerechnet – kommt da womöglich noch Gerhart Hauptmann um die Ecke? Trefflich geschrieben und formuliert 🙂

    Viele seiner Werke kenne ich und habe ich gelesen oder gesehen – natürlich gehörten seine Werke auch in meine Schulzeit (neben den üblichen Klassikern und, natürlich im Norden Theodor Storm und noch so einige typische
    Nordlichter). Wir hatten da noch Lehrer/innen, die darauf Wert legten – ich bin da durchaus dankbar für. Um auf GH zurück zu kommen, seine Werke haben mich stets sehr beschäftigt und ergriffen (da hat dann auch die sonst sehr umstrittene Inge Meysel einige wirklich große Charakterrollen gespielt). Vielleicht haben Sie mir damit einen Anstoß gegeben, doch mal wieder eines seiner Werke zur Hand zu nehmen 🙂

  2. Enrico sagt:

    GMLKH,

    ein wirklich schöner Beitrag – aber war da etwa Rum in deinem Tee / Kaffee? 😉

  3. Jochen Voigt sagt:

    Und ich dachte, Gerhard Hauptmann wäre schon gestorben!
    Wieder was dazugelernt!!
    😉
    Jochen

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