Frau Merkel erklärt Herrn Jauch die Krise

Nehmen wir es vorweg: Eine bessere einstündige PR-Veranstaltung hätte es für die Kanzlerin nicht geben können: Prime Time am Sonntagabend nach dem Tatort und einziger Gast bei Günther Jauch – wenn der Bundeskanzler in eine deutsche Talkshow kommt, dann kann kein anderer Gast daneben sitzen, das ist ungeschriebenes Gesetz.

Angeblich hatte Günther Jauch ursprünglich in einer Talk-Runde über den Papst-Besuch diskutieren wollen. Aber dann hatte man ihm Angela Merkel aus gegebenem Anlass zu einer Solostunde „reingedrückt“ – schreibt der „stern“. Und das mit gutem Recht: Denn wenn die Brotherren zu Besuch ins öffentlich-rechtliche Fernsehen kommen, dann wird das Studio selbstredend ordentlich geheizt und hergerichtet, damit die Politiker komfortabel zum Volke sprechen können.

Die Berater haben die Kanzlerin gut vorbereitet. Und Günther Jauch stellt selbstredend nur Fragen, die die Kanzlerin glänzend vorbereitet und sehr allgemein verständlich beantworten konnte. Damit kein Missverständnis entsteht: In der Politik wird ein Interview schon ab der Ebene des Gemeindebürgermeisters minutiös vorbereitet. Dem Interviewgast werden idR alle Fragen vorher schriftlich vorgelegt, damit dieser sich für die „live“-Situation vorbereiten. Bei schriftlichen Interviews behalten sich Politiker aller Ebenen inzwischen eine „Freigabe“ nach vorheriger Lektüre des erscheinenden Interviewtextes vor.

Natürlich ist so ein Gast auch für einen versierten Talk-Master eine Herausforderung. Wenn er hier patzt, kann das seinen Kopf kosten. Schon manch wütender Politiker hat nach einer Sendung hinter den Kulissen die Entlassung einer zu „investigativen“ Reporters gefordert und wohl auch erreicht.

In diese Gefahr gerät Günther Jauch nie. Dafür ist er viel zu clever und viel zu sehr Geschäftsmann. Und so stellte der oftmals als Deutschlands idealer Schwiegersohn apostrophierte Jauch der promovierten Physikerin Angela Merkel quasi vox populi lauter kreuzbrave Fragen, wie sie Lieschen Müller aus Langengöns auch immer schon gerne gestellt hätte.

Die Kanzlerin gab demtentsprechend bürgernahe, nachvollziehbare und verständliche Antworten – vor allem zur Krise des Euro. Denn darum ging es: Am Donnerstag ist Krisengipfel, die Bundestagsabgeordneten werden über den europäischen Rettungsfonds entscheiden – und die nächsten Wahlen stehen auch vor der Tür.

Das Publikum klatschte freundlich als Günther Jauch fragte: „Sind  Sie eine glückliche Deutsche?“ Und als die Kanzlerin sagte: „Wir müssen nicht für die Schulden anderer Länder aufkommen“ gab es ebenfalls Applaus. Und als sie sagte:  „Die Finanzmärkte haben den Menschen zu dienen“ war ein „Bravo“ Pflicht. Wer denkt da schon an Aussagen wie die Norbert Blüms zurück „Die Renten sind sicher!“ Dann folgt der Allgemeinplatz, man müsse die Banken in Zukunft eben stärker beobachten. Beifall auch hier. Noch mehr Beifall als sie sagt: „Ich mache das, was ich für richtig halte.“

Was also nahm Otto Normalverbraucher von diesem Abend mit? Vielleicht die zutreffende Erkenntnis der Kanzlerin, dass sich „die Welt von gestern mit der Welt von heute nicht vergleichen lässt.“

Der fernsehende Bürger war mithin beruhigt und konnte sich hernach auf eine geruhsame Nacht freuen.

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