Warum wird der Mensch krank?

Mit großem Genuss wühle ich mich derzeit Seite für Seite durch den „Zauberberg“ von Thomas Mann und lese heute diesen Satz:

„Der kranke Arzt bleibt ein Paradoxon für das einfache Gefühl, eine problematische Erscheinung.“

Für einen ängstlichen Menschen ist es ja grundsätzlich beunruhigend, dass auch ein Arzt krank werden, ja, sogar sterben kann!

Ich hatte neulich einen längeren Gedankenaustausch mit einem Reiki-Meister, der den Ansatz vertritt, dass, wer krank wird, mit seinem Körper oder in seinem Leben etwas falsch gemacht hat. Eine solche Argumentation finde ich unerträglich und habe dem Kollegen deshalb u.a. geantwortet:

„Die Frage nach dem Sinn einer Erkrankung kann eine ganz gemeine sein: Nicht nur ist der Kranke krank, jetzt macht er sich ggf. auch noch Selbstvorwürfe. Das macht  garantiert nicht gesund!“

In der Gesundheitsapostelwelt wie auch im allopathischen Ärzteuniversum laufen viele „Gurus“ rum, die offenbar genau wissen wollen, was ich in meinem Leben falsch mache. Pardon, aber das finde ich ebenso anmaßend wie unhaltbar. Spätestens seit Sigmund Freud hat eine Trivialisierung der Psychopathologie des Alltagslebens stattgefunden. Mancher gerierte zum Hobby-Freud, andere explorierten indische Tantras, die nächsten mutierten zu selbsternannten Heilern usw.

(Anmerkung: Wir reden hier nicht über den abusen Gebrauch von Nikotin, Alkohol oder anderer Narkotika, ebenso wenig über andere direkt gesundheitsschädigende Lebensweisen.)

Die beiden Hauptanliegen von Menschen sind: Macht (Dominanz, Überlegenheit, sozialer Status) und Liebe (Akzeptanz, Wertschätzung, Vertrauen). Wer vermeintlich mehr über mich weiß, als ich selber, dem kann ich eines dieser beiden Motive unterstellen. Vermutlich ist es Liebe nicht bei den Heerscharen von Gesundbetern & Consorten, denn dazu müsste man mich doch zumindest persönlich kennen. Selbsternannte Gottgesandte, Missionare, Heilsbringer, Untergangspropheten, notorische Besserwisser usw., die sich vermeintlich im alleinigen Besitz selig machender Weisheiten und Wahrheiten wähnen, machen mich einfach nur wütend. Wenn die Welt etwas nicht braucht, dann diese Herrschaften.

Placet experiri, sagt Hans Castorp, jeder möge das tun, was er für richtig hält – doch kann das niemals Maßstab für andere sein! Dieser manchmal messianische Eifer ist nervtötend!

Da gefällt mir dieser Beitrag der Heilpraktikerin und Psychotherapeutin Nora Römer deutlich besser. Sie schreibt bildhaft von der Krankheit wie von einem kleinen Vogel, der sich auf einem Baum niederlässt und sein Lied singt. Wir wissen nicht, warum er sich just diesen Baum ausgesucht hat. Nach einer Weile bleibt er still. Dann fliegt er weiter, zu einem nächsten Baum, auf dem er sich erneut niederlässt, und wir wissen wiederum nicht warum gerade dort.

Sie schreibt weiter über den kranken Körper: „Braucht er Ruhe, gebe ich ihm Ruhe. Braucht er Wärme, gebe ich ihm Wärme. Braucht er Berührung, frage ich jemanden nach Berührt-Werden. Braucht er Trost, suche ich mir tröstende Arme oder finde selber tröstende Worte. Braucht er Sicherheit, gebe ich ihm Sicherheit. Braucht er heilsame Pflanzen, gebe ich ihm heilsame Pflanzen. Braucht er Medizin, gebe ich ihm Medizin. Braucht er Liebe, gebe ich ihm Liebe. Braucht er Musik, gebe ich ihm Musik. Braucht er Stille, gebe ich ihm Stille. Braucht er Nahrung, gebe ich ihm Nahrung. Braucht er Wasser, gebe ich ihm Wasser. Braucht er Schatten, gebe ich ihm Schatten. Braucht er Licht, gebe ich ihm Licht. Braucht er etwas, was ich noch nicht weiß, finde ich heraus, was dieses ist. Braucht er Hilfe, besorge ich ihm Hilfe. Und dann, wenn mir all dies gelungen ist, kann ich erst einmal tief durchatmen. Und damit sein. Mit der Krankheit und dem, was mein Körper braucht. Mit mir. So, wie ich jetzt bin, krank und bedürftig: sein. Mit dem, was ich brauche: sein. Ankommen. Dableiben. Liebevoll mit mir selbst. Einfach krank – sein. Nichts weiter. SEIN. Atmen. SEIN. Nichts weiter.“

Der geneigte Leser findet hier bei Bedarf ein weiteren bemerkenswerten Artikel des Chirurgen Dr. Bernd Hontschik.

„Nichts ist schmerzhafter, als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns hindert, der Vernunft zu dienen.“ (Th. Mann – „Der Zauberberg“)

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