Die Zeit im „Zauberberg“

Zur Zeit (!) lese ich gerade einmal wieder den „Zauberberg“ von Thomas Mann – ein Buch, das man auch nach Aussagen seines Autors mehrfach lesen sollte.

Wenn man so will, handeln die über 1000 Seiten vor allem von der Zeit. Menschen sind
vermutlich die einzigen Lebewesen, die ein Zeitgefühl haben. Tiere können nicht unterscheiden zwischen Minuten, Stunden und Tagen. Deshalb freut sich der Hund genau so, wenn man zwei Stunden oder zwei Tage fort war. Für die Dauer hat er kein Empfinden.

„Was ist denn die Zeit?“ fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so gewaltsam zur Seite, daß sie weiß und blutleer wurde. „Willst Du mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst Du mir das mal eben angeben? Siehst du, da sitzt du fest. Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genaugenommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen, die Zeit läuft ab. Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können … warte! Um meßbar zu sein, müßte sie doch gleichmäßig ablaufen, und wo steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser Bewußtsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, daß sie es tut, und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal …“

Zeit lässt sich einerseits objektiv messen, doch wir Menschen nehmen sie subjektiv und daher unterschiedlich wahr. Zeit „vergeht“ uns unterschiedlich schnell. Mal wünschen wir, dass sie überhaupt nicht vergehe, mal kann es uns nicht schnell genug gehen. So empfinden Verliebte die Zeit mit dem Partner als flüchtig. Das Warten an der roten Ampel, an der Kasse oder auf dem Zahnarztstuhl erscheint uns hingegen lang. „Es kommt darauf an, auf welcher Seite der Klotür man sich befindet“, hat Karlheinz A. Geißler es einmal so schön plastisch formuliert.

Hans Castorp, der Held des Mannschen Romans, genießt die scheinbar nur langsame verlaufende Zeit im Berghotel sehr:

„Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen darüber, dass zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm lagen, diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der Hauptliegekur, die er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine ihm ganz gemäße Einrichtung empfand. Denn er war geduldig von Natur, konnte lange Zeit ohne Beschäftigung wohl bestehen und liebte, wie wir uns erinnern, die freie Zeit, die von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt und verscheucht wird.“

Alte Menschen empfinden Zeit übrigens anders als junge. Für alte Menschen scheint die Zeit schneller zu vergehen, vermutlich weil ihre „Uhr“, ihr „Zeitkonto“ bald abgelaufen ist und sie „das Zeitliche segnen“ wird – sie also das Ende ihres Zeiterlebens erreichen.

„Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen verliehen, damit er sie nutze – sie nutze, Ingenieur, im Dienste des Menschheitsfortschritts.“

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