Überkompensierte Rache

In der Psychologie spricht man von „Kompensation„, wenn Menschen in einer Situation des Minderwertigkeitempfindens nicht mit Verdrängung reagieren, sondern quasi durch eine Ersatzhandlung das negativ Erlebte aufzuheben bzw. besser erträglich zu machen versuchen.

Ab dem Zeitpunkt der Volljährigkeit „rächte“ ich mich an meinen Eltern, die (ohne Not) meist „billig“ einkauften und für bestimmte Bereiche des Lebens wenig Geld ausgaben, indem ich dieses Erleben (über-) kompensiere: Ich kaufe viel und ausschließlich hochwertig, gebe das verdiente Geld aus, wie es hereinkommt. Ich will auf keinen Fall wie meine Eltern reich sterben! Früh hat mir deshalb die marxsche Theorie des Geldes als „Zirkulationsmittel“ eingeleuchtet, ja, bin ich gar womöglich lebendiger Beweis ihrer Richtigkeit!

Ich erinnere mich an (im Gegensatz zu Lederschuhen) billige Vollplastik-Herrenschuhe, mit denen ich bei der winterlichen Klassenfahrt im Jahre 1967 in den Harz auf glattem Boden nahezu bewegungsunfähig war und mich von zwei Klassenkameraden links und rechts stützen lassen musste, um nicht hinzufallen. Ich erinnere mich an das erste Paar Jeans („Arbeiterhosen!“), das meine Mutter mir nach Jahren des Gequengels endlich kaufte: Jinglers von C & A – doch waren damals Levi’s „in“ und ich das Opfer des Hohns meiner Klassenkamerden; das macht hart! Ich erinnere mich an das erste begehrte T-Shirt mit Windrosenaufdruck, das ich natürlich im „American Shop“ in Bremen nicht bekam – „Zu teuer für so ein Unterhemd!“

Nun werden viele Leser sicher meiner verstorbenen Mutter applaudieren, dass sie hart geblieben ist, nicht jeden modischen Schnickschnack mitgemacht und mir nicht jeden Wunsch erfüllt hat. D’accord! Doch wie so vieles im Leben ist auch der Umgang mit dem Thema „Gruppenzugehörigkeit durch Symbole“ eine Gratwanderung. Zur Gruppe dazu zu gehören, ist für jedes Lebenswesen (unter Umständen überlebens-) wichtig. Es geht keinesfalls darum, seinen Kindern jeden modischen (Marken-) Wunsch stante pede zu erfüllen. Eine sorgfältige Abwägung im Einzelfall ist aber angezeigt. Schnell wird ein Kind sonst Außenseiter.

Kinder können sehr grausam sein, wenn es um das Ausgrenzen von anderen Kindern geht. Ich erinnere mich an den Klassenkameraden W., der fast das ganze Jahr hindurch in einer (!) kurzen (!) Lederhose zur Schule kam. Seine Eltern waren nicht eben begütert. Der Junge war überaus intelligent – er ist trotzdem im Leben weitestgehend einsam gescheitert.

Was meinen Sie, wie weit sollte die Bereitschaft von Eltern gehen, ihren Kindern „trendige“ Konsumwünsche zu erfüllen?

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