Über das Ingenieurwesen

Es gibt keinen Berufsstand, vor dem ich so viel Achtung habe, wie vor dem des Ingenieurs. Dabei ist die Berufsbezeichnung „Ingenieur“ nicht einmal geschützt, jeder darf sich so nennen – nur nicht „Diplom Ingenieur“ oder „Ingenieur grad.“.

Sogar ich als ausgebildeter Geisteswissenschaftler durfte mich vor etwa 20 Jahren einige Zeit so nennen:

Der Ingenieur leitet sich vom Lateinischen ingenium „sinnreiche Erfindung, Scharfsinn“ ab und ist heute eine Berufsbezeichnung für wissenschaftlich ausgebildete Fachleute auf technischem Gebiet. Die Unterteilung in Bau-, Maschinen- und Elektro-Ingenieure spiegelt die Chronologie der Entstehung dieses Berufsbildes.

Vorwiegend werden physikalische Erkenntnisse ausgewertet, andere stammen aus der Chemie und der Biologie. Dabei kann ein einzelnes System (Gerät, Maschine, Bauwerk, Transportmittel, Kommunikationsmittel) auf den Erkenntnissen aller drei Naturwissenschaften beruhen.

Mein Respekt bezieht sich nicht nur auf so prominente Bauwerke wie den Eiffelturm oder die Entwicklung von modernen Transportmitteln. Nein, allein schon die Tragfähigkeit einer Brücke zu berechnen, nötigt mir Achtung ab.

Dass angehende Ingenieure es nicht immer leicht haben, wurde bereits von Thomas Mann in seinem Roman Der Zauberberg bemerkt. Bevor der dreiundzwanzigjährige Hans Castorp nach dem bestandenen Examen als Volontär bei der Schiffswerft, Maschinenfabrik und Kesselschmiede „Tunder & Wilms“ anfängt, verlässt er 1907 seine Heimatstadt Hamburg für einen dreiwöchigen Besuch bei seinem Vetter Joachim Ziemßen im internationalen Sanatorium „Berghof“ bei Davos, denn der Hausarzt hat ihm wegen seiner angeschlagenen Gesundheit dringend eine Luftveränderung geraten.

Hans Castorp erwähnt in Gegenwart seines behandelnden Arzt, Dr. Krokowski, beiläufig, dass er gerade sein Examen bestanden habe:

Was für ein Examen haben Sie abgelegt, wenn die Frage erlaubt ist?“ „Ich bin Ingenieur, Herr Doktor“, antwortete Hans Castorp mit bescheidener Würde. „Ah, Ingenieur„! Und Dr. Krokowskis Lächeln zog sich gleichsam zurück, büßte an Kraft und Herzlichkeit für den Augenblick etwas ein. „Das ist wacker. Und Sie werden hier also keinerlei ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen, weder in körperlicher noch in psychischer Hinsicht?“ „Nein, ich danke tausendmal!“ sagte Hans Castorp und wäre fast einen Schritt zurückgewichen.

Leider wird Hans Castorp nicht zum Ingenieur, der etwas Vernünftiges für die Menschheit tut. Stattdessen zieht er am Ende des Romans in den Ersten Weltkrieg. Ohnehin muss er wenig Lust auf diesen Beruf gehabt haben, betrachtet man seinen jahrelangen Aufenthalt im Sanatorium. Schade!

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3 Antworten zu Über das Ingenieurwesen

  1. D. Osmers sagt:

    Stimme hier voll und ganz zu.
    Der Beruf des Ingenieurs verdient Respekt.
    Wenn ein Ingenieur gepfuscht hat, sind die Auswirkungen unmittelbar erfahrbar.
    Eine Brücke stürzt ein, ein Flugzeug explodiert oder ein Auto hat Macken, die der Kunde sofort reklamiert.
    Was passiert wenn ein Geisteswissenschaftler Mist baut?
    Darüber kann man dann diskutieren und der Geistesmensch kann sich immer irgendwie herausreden. Kommt halt auf die Sichtweise an.
    Aber niemand kommt zu Schaden.
    Der Ingenieur muss für seinen Pfusch büßen, er hat sich vor Gericht zu rechtfertigen und für den verursachten Schaden geradestehen.

  2. Apicula sagt:

    Dieser Tage im TV Programm bei Terra X ein hochspannender Fernsehbeitrag über Rudolf Diesel, den Erfnder des Diesel-Motors. http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Diesel
    Dieser Mann hat unsere Zukunft entscheidend verändert. Für den Transport von Gütern auf See wird es auf Jahre gesehen noch keine Alternative zu seinem Verbrennungsmotor geben. Ich finde das fasznierend.

    Dabei habe ich – selbst Ingenieur – erfahren, dass eine Erfindung oder Konstruktion nur bedingt einzigartig ist. Hat man etwas entwickelt/ konstruiert ist es bereits dazu verdammt verbessert, vereinfacht, verbilligt, kurz gesagt, geändert zu werden. Zuweilen ist das, wenn man diesen Beruf ausübt, deprimierend.

    In der Literatur findet sich mit Walter Faber „Homo Faber“ von Max Frisch ein weiteres Schicksal, das jedoch weniger mit dem Berufsbild des Ingenieurs zu tun hat.

    Ich habe mich sehr über diesen Beitrag und auch über den Kommentar von D. Osmers gefreut.

    Beste Grüße!

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