Victor Guth – ein gemeiner Dorfschullehrer

Victor Guth

Lehrer haben nicht nur einen pädagogischen Auftrag, sondern nach und neben den Eltern auch einen großen Anteil an der Erziehung junger Menschen. Aus diesem Grunde sind höchste Anforderungen an diesen Berufsstand zu stellen – und zwar in fachlicher wie auch gerade in menschlicher Hinsicht.

 

Nomen est omen? Nicht unbedingt bei Victor Guth, einem der Lehrer der Volksschule  Sagehorn. Die Schulchronik weist seinen aktiven Schuldienst von 1925 bis 1965 aus. Dieser meist griesgrämige – und zumindest in meiner Schulzeit alkoholkranke Mann – hat mehrere Generationen von Schulkindern nicht nur in Rechnen und Musik unterrichtet, sondern leider auch immer wieder bei kleinsten Verfehlungen körperlich gezüchtigt – vor mir bereits meinen Vater in den 30er Jahren.

Für das kleinste Fehlverhalten schlug er seine Schüler – seltener die Schülerinnen – mit einem Bambusrohrstock brutal auf die Fingerspitzen. Wehe, jemand zog vor Schreck die Hand zurück, dann konnte Guth cholerisch werden! Ich erinnere mich, wie er sich deshalb einmal auf das eigene Knie schlug – das bekam dem Delinquenten schlecht! Ein anderes Mal brach der Rohrstock entzwei – das brachte ihn vollends in Rage. Auch blieb es meist nicht bei einem Schlag, sondern je nach „Schwere des Delikts“ konnten es durchaus auch zehn Hiebe sein. Horrible dictu: Die gesamte Klasse musste die Schläge dann laut mitzählen – eine Art öffentliche Exekution.

Weil ihm der Alkoholkonsum offenbar auf den Magen schlug, musste wir hin und wieder zum „Kolonialwarenladen“ von „Tante“ Erna Schwarmann gegenüber der Schule gehen, um ihm „Roha-Salz“ zu kaufen. Machte ihm der Restalkohol der vorabendlichen Chorproben (VG war lange verdienter Chorleiter des „Liederfreund Sagehorn„) all zu sehr zu schaffen, legte er sein müdes Haupt auf seinen linken Arm auf das Katheder und ließ uns die gesamte Stunden das kleine Einmaleins aufsagen. Zu jedem Ergebnis schlug er halb ohnmächtig mit dem Rohrstock, den er in der rechten Hand hielt, im Takt auf den Tisch – so erteilte Victor Guth Rechenunterricht. Lernen durch Vorbild?

Auch wenn man über Tote nur Gutes sagen soll, so darf die Wahrheit nicht verklärt werden. Gewiss, wer in Zeiten von Kaiser und Führer aufgewachsen ist, dem war die „körperlichen Zucht und Züchtigung“ vermutlich näher als die Reformpädagogik. Und in der Tat wurde die „Prügelstrafe“ in deutschen Schulen offziell erst Anfang der 1970er Jahre verboten, doch nehme ich solche pauschalierenden Erklärungen nicht hin und bin mir sicher, dass bei weitem nicht jeder Volksschullehrer des 20. Jahrhunderts in Deutschland seine kleinen Schüler so bösartig verprügelt hat.

Mag sein, dass den anderen Lehrern in der Volksschule Sagehorn, Elsa Schmidt-Barrien, Heinz Rusch oder Walter Theis auch mal „die Hand ausgerutscht ist“ – ich selber kann mich daran nicht erinnern – doch zwischen „Affekt“ und systematischer „Prügelstrafe“ besteht ein Unterschied, ebenso wie zwischen Furcht und Respekt.

 

Dieser Beitrag wurde unter Menschen, Sagehorn abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.