Über das „Abilene-Paradox“

Der Juli-Nachmittag in Coleman, Texas (5.607 Einwohner) was außergewöhnlich heiß – 104 Grad Fahrenheit. Der Wind blies feinkörnigen Staub durch das Haus. Aber der Nachmittag war noch akzeptabel – eigentlich sogar angenehm. Es gab einen Ventilator auf der Veranda, kalte Limonade und schließlich gab es Unterhaltung: Dominosteine, ideal angesichts der gegebenen Umstände. Das Spiel erfordert als maximale körperliche Anstrengung einen gelegentlich gemurmelten Kommentar, „neu mischen“, und eine leichte Armbewegung, um die Steine auf den Tisch zu plazieren. Alles in allem die besten Voraussetzungen für einen netten Sonntagnachmittag in Coleman – das heißt, bis mein Schwiegervater plötzlich sagte: „Wie wäre es mit einer Autofahrt nach Abilene, wir könnten im dortigen Café zu Abend essen?“

Ich dachte: „Wie? 53 Meilen nach Abilene? Bei diesem Sandsturm und der Hitze? Und in einem 1958er Buick ohne Klimaanlage?“

Aber meine Frau stimmte ein: „Hört sich gut an. Ich würde gern fahren. Wie ist es mit Dir, Jerry?“ Da meine eigenen Ansichten sich offenbar von denen der anderen unterschieden, sagte auch ich: „Hört sich gut an.“ und ergänzte „Ich hoffe nur, dass Deine Mutter auch will.“

„Natürlich will ich.“ sagte meine Schwiegermutter. „Ich war schon lange nicht mehr in Abilene.“

So stiegen wir in das Auto – und ab ging es nach Abilene. Meine Befürchtungen erfüllten sich. Die Hitze war brutal. Der Wind bedeckte uns nach und nach mit einer feinen Schicht von Staub, der sich zusammen mit dem Schweiß im Zement verwandelte, und das Essen im Café war der Inbegriff einer lieblos servierten Konservenkost.

Vier Stunden und 106 Meilen später kehrten wir nach Coleman zurück, überhitzt und erschöpft. Lange Zeit saßen wir schweigend auf der Terrasse. Dann, um etwas zu sagen und um die Stille zu brechen, sagte ich: „Ein schöner Ausflug.“ Keiner sprach.

Schließlich sagte meine Schwiegermutter, leicht irritiert: „Um ehrlich zu sein, für mich war es kein großes Vergnügen. Ich wäre lieber hier geblieben. Ich bin nur mitgefahren, weil ihr drei so begeistert gewesen seid. Ich wäre nicht mitgegangen, wenn ihr mich nicht gedrängt hättet.“

Ich konnte es nicht glauben. „Was meinst du mit „ihr alle“? Ihr wart so begeistert. Ich wollte nur kein Spielverderber sein. Ihr seid schuld.“ Meine Frau war empört: „Ich bin nicht schuld´. Du und Papa und Mama wolltet gehen, ich ging nur mit, damit ihr zufrieden seid. Ich bin doch nicht verrückt, ich wollte doch nicht in diese Hitze hinaus.“

Ihr Vater mischte sich in das Gespräch. „Unglaublich!“ Und dann sagte er, was inzwischen allen klar war. „Hört mal, ich wollte nie nach Abilene. Ich dachte, euch sei langweilig. Ihr besucht uns so selten, und ich wollte dass ihr euch wohl fühlt. Ich wollte nur Domino spielen und Eis essen.“

Nach diesem Austausch von Freundlichkeiten und Beschuldigungen waren wir wieder still. Hier saßen wir, vier vernünftige und einfühlsame Menschen, die freiwillig eine unsinnige Fahrt auf sich genommen hatten: 106 Meilen in einer Backofenhitze durch eine gottverlassene, von Sandstürmen heimgesuchte Wüste, und zwar nur, um etwas Ungenießbares in einer schäbigen Kneipe zu essen. Wir hatten etwas getan, was keiner wollte. Um genauer zu sein, wir haben genau das Gegenteil dessen getan, was wir wollten. Die ganze Situation war sinnlos. (J.B. Harvey: The Abilene Paradox)

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