Hans im Glück – (k)ein Märchen

Das Märchen von Hans im Glück (Gebrüder Grimm) habe ich, so wie vermutlich die meisten unter Ihnen, als Kind völlig missverstanden. Für mich war der Hans ein dummer Tor. Heute als Erwachsener erschließt sich mir dieses Märchen auf eine völlig neue Art, und Hans steht als weiser Mensch dar. Sehr schön wird das auch von Willigis Jäger in seinem Buch „Das Leben endet nie“ beschrieben. Und so geht die Geschichte (für alle jüngeren Jahrgänge, die die Sesamstraße nicht aber dieses Märchen nicht kennen):

Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient und wollte nun heim zu seiner Mutter gehen (nach Hause, an den Platz wo er hingehört).

Er hatte sich einen schönen Klumpen Gold verdient (wir dürfen das gleichsetzen mit einem dicken Bankkonto – in Liechtenstein oder hier).

Diesen Goldklumpen tauscht er dann ein gegen ein Pferd. Hans hängt weiterhin an den materiellen Dingen. Das Gold hat es nicht gebracht, vielleicht bringt es das Pferd (das Auto mit 300 PS)? Man kommt schneller voran – aber das Pferd kann einen abwerfen!

Das Pferd tauscht er deshalb ein gegen eine Kuh. Die gibt Milch (labendes Getränk?); doch sie wird ihm doch bald zur schlechten Weggefährtin.

Er tauscht sie deshalb gegen ein Schwein ein. Das ist möglicherweise aber Diebesgut (gewaschenes, unlauteres Geld?), deshalb tauscht er dieses wiederum gegen eine Gans. Ein Festtagesbraten. Gänsefett für ein halbes Jahr.

Aber vielleicht ist ein Wetzstein doch besser, mit dem man Geld verdienen kann. Der Scherenschleifer als Symbol des einfachen Lebens. Doch dieser Wetzstein fällt Hans beim Trinken ins tiefe Wasser. Auch das letzte Stück, an dem sich Hans festhalten konnte, versinkt.

Und was macht er? Statt zu greinen betet er: „Ich danke Dir, Gott, dass Du mich von allen unnötigen Dingen befreit hast!“

Unbegreiflich, Hans ist jetzt der glücklichste Mensch! Er konnte alles lassen und ist jetzt frei, er hängt nicht mehr an materiellen Gütern. Nicht mehr anhäufen, sondern gehen lassen. Geben und nehmen, ohne von den Dingen besetzt zu sein – nicht haben, sondern sein.

„Den Ablauf nicht stören“, so bezeichnete Herbert Karajan die wesentliche Aufgabe eines Dirigenten. Den Dingen auch mal ihren Lauf lassen – das ist wahre Lebenskunst!

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